Künstlerhaus Jan Oeltjen e. V.
Künstlerhaus Jan Oeltjen e. V.

Adventskalender 2025

Vorbemerkung:

Nach einem Jahr Pause gibt es in diesem Jahr wieder einen Adventskalender.

 

Die selbst auferlegten Regeln sind einfach: Bis zum 24.12.2025 gibt es jeden Tag einen neuen Eintrag. Spätestens um 18.00 Uhr wird der neue Inhalt online gestellt. In diesem Jahr wird sich der gesamte Adventskalender um Robert Budzinski drehen. Dafür gibt es gute Gründe:

Um Bildmaterial in das Internet zu stellen, muss entweder eine Erlaubnis der UrheberrechtsinhaberIn vorliegen oder das Material muss "gemeinfrei" sein. Das liegt vor, wenn der Todeszeitpunkt des Künstlers bzw. der Künstlerin länger als 70 Jahre zurückliegt. Seit dem März 2025 ist Budzinskis Werk gemeinfrei. Natürlich darf dann auch nicht beliebiges Material genutzt werden, sondern nur selbst erzeugtes. Fotografien, die keine weiteren Besitzrechte verletzen (weil sie Werke aus eigenem Besitz zeigen) können daher problemlos präsentiert werden.

Für Budzinski liegt eine kleine Privat-Sammlung vor, aus der Abbildungen vorgestellt und mit Textbeiträgen vervollständigt werden. Es gibt noch keine öffentliche Institution, die sich dieses Künstlers vollumfänglich angenommen hätte. Wenn nicht anders angegeben, stammen alle Texte und Reproduktionen von Volker Maeusel.

Vor zwei Jahren hatte das Künstlerhaus Jan Oeltjen eine Ausstellung mit graphischen Arbeiten von Budzinski gezeigt. Sie hatte bei den Besuchenden enorme Resonanz ausgelöst; leider war der Besuch jedoch insgesamt zurückhaltend. Mit diesem Adventskalender kann nun quasi eine Online-Ausstellung nachgeholt werden. Auf Kritik und Zuschriften sind wir gespannt... Lieb wären uns auch ergänzende Hinweise, denn die Literatur zu Budzinski ist übersichtlich und die eigenen Recherchen decken bei weitem nicht das ganze Leben und Werk ab.

 

Jeden Tag werden nun ein Bild oder mehrere Bilder und einige begleitende Anmerkungen eingestellt. Der neueste Eintrag wird immer oben platziert; wer neu einsteigt, sollte sich bitte ganz nach unten zum Einstieg bewegen.

Wir wünschen allen Lesenden viel Freude bei der Lektüre, wir danken für die Aufmerksamkeit und wünschen geruhsame Festtage und einen erfolgreichen Start in das Jahr 2026!

Wer weitere Informationen zu Budzinski wünscht und/oder Anregungen hat, kann über die Adresse des Künstlerhauses Jan Oeltjen leicht Kontakt aufnehmen.

24. Dezember 2025

Mit dem heutigen Beitrag ist der diesjährige Adventskalender beendet. Es war nicht möglich, Robert Budzinskis Leben und Werk vollständig auszubreiten und darzulegen, aber das konnte in der gedrängten Form auch nicht einmal ansatzweise erfolgen; das war vorher klar. Stattdessen sollten einige Aspekte beleuchtet, einige Inhalte vorgestellt und natürlich auch einige Fragen präsentiert werden. Budzinski war offensichtlich bei seinem Publikum beliebt. Die teilweise primitiv anmutende Darstellung stand dazu nicht im Widerspruch. Möglicherweise war es sogar diese offenkundige Authenzität, die ihm Beifall einbrachte und ihm Kreise erschloss, die herkömmlicherweise der Kunst und Literatur fernstanden.

Budzinskis Werk war immer autobiografisch geprägt. Selbst bei äußerster Skepsis ist die teilweise Gleichsetzung des Künstlers mit seinen Bild- und Textinhalten auffallend deutlich. In diesem Werk gab es zwei große Themen, an die er sich wieder und wieder herantastete: Zunächst die Landschaft, in der er lebte. West- und Ostpreußen wurden von ihm mit einer Hingabe in seinen Blättern und Texten bearbeitet, die auf wirklicher Liebe zu seiner Heimat beruhte. Daneben aber hat er Menschen in diese Landschaft eingearbeitet, die ihm ebenfalls sehr wertvoll waren und das reichte von Gruppendarstellungen bis hin zu singulären Porträts.

Darum wird der Adventskalender heute mit einem Bild schließen, dass diese Aspekte in sich vereint und darüber hinaus noch einen symbolischen Wert aufweist, der vorab erläutert werden soll. Das Motiv der Meerjungfrau, Nixe oder Undine ist in Kunst und Literatur altbekannt. Stets stand und steht es dabei für die Unmöglichkeit einer Liebe, denn die tödliche Unterschiedlichkeit ihrer Lebenswelt macht eine gemeinsame Zukunft von Mensch und Wasserwesen unmöglich. Das wurde von Theodor Fontane in seinen Melusine-Texten ebenso bearbeitet wie aktuell vom Disney-Konzern bei "Arielle". Wenn Budzinski also Gesicht von Erika Stern am Strand eines Gewässers mit dem Titel "Nixe" versieht, dann liegt in der Verehrung und Liebe für die Abgebildete auch schon der Verzicht auf sie begründet.

Es gibt einige Varianten dieser Art. Das ihm zugrunde liegende Problem wurde dabei zeitgenössisch nicht immer verstanden. Fritz Kudnig etwa urteilte 1922, Budzinski habe sich in letzter Zeit ein ganz neues Gebiet erobert, er gebe den Charakter einer Landschaft in einem Menschenbildnis und stellte seinem Aufsatz das hier folgende Bild in einer Variante vorweg. Bei ihm lautete der Titel "Masurischer See". Der Aufsatz erschien in Heft 9 der Ostdeutschen Monatshefte von 1922, dem so betitelten "Weihnachtsheft", und darum passt diese Radierung auch zum Abschluss des Adventskalenders...

Robert Budzinski: Nixe, undatiert

Das Bild wird hier in seinem altüberlieferten Rahmen präsentiert.

23. Dezember 2025

Budzinskis Bedeutung als Schriftsteller war und ist an seine Ostpreußen-Bücher gebunden. Streng genommen, ging es dabei nicht nur um Ost-, sondern teils auch um Westpreußen, aber das tritt zurück hinter den Erfolg, der ihm mit "Ostpreußen" im Titel des Buches beschieden war.

1926 erschien "Die Entdeckung Ostpreußens" in erster Auflage und mit dem Buch hatte Budzinski finanziell erheblichen Erfolg. Trotz der teils primitiv anmutenden Drucktechnik, trotz der kaleidoskopartig funkelnden, aber wenig stringenten Erzählung erlebte das Buch bis 1994 insgesamt 13 Auflagen. Budzinski karikierte im Text die Gattung der zeitgenössisch beliebten Reiseberichte und bot den Lesenden eine Mixtur aus skurrilen Anekdoten über Land und Leute. Nach Vergleich der Illustrationen mit seinem gesamten Werk lässst sich Erika Stern als Begleiterin seiner Fahrten belegen, aber das tut hier nichts zur Sache, weil es dazu viel aussagekräftigere Texte gibt. Es muss nur festgehalten werden, dass Budzinskis Humor den Geschmack der Zeit traf.

Robert Budzinski: Die Entdeckung Ostpreußens, S. 40

Bereits 1927 ließ Budzinski mit Curi-neru eine "Neue Folge der Entdeckung Ostpreußens" erscheinen. Die Handlung schildert den alltäglichen Überdruss eines Paares, dem nur eine Reise in das exotische Südsee-Paradies Curi-neru Abhilfe verschaffen kann. Tatsächlich aber geht die Fahrt an den Ostseestrand. Es handelt sich letztlich um  eine Umsetzung, wie sich Budzinski die "Sonnentage" mit Stern vorstellte: als eine lange Abfolge aus körperlicher Zweisamkeit mit Sonnen- und Meeresbädern. Die Auflösung der Darstellung trieb Budzinski in diesen Bildern ins Extrem:

Robert Budzinski, Der Mond fällt auf Westpreußen, S. 79

Mit "Der Mond fällt auf Westpreußen" ließ Budzinski wiederum abermals nur ein Jahr später ein weiteres Buch folgen, das vorderhand die Lebensprobleme eines Paares ausbreitet, das eigentlich hätte glücklich leben können, wäre es nicht an den Forderungen seiner Umgebung gescheitert.

Was das Buch heraushebt, ist die prophetische Ankündigung des Weltuntergangs exakt an der Stelle, wo der Zweite Weltkrieg seinen Beginn nehmen sollte: bei Danzig. Elf Jahre vor Beginn des Zweiten Weltkriegs schildert Budzinski eine kosmische Katastrophe:

"Nun kam von irgend woher diese merkwürdige Sausen und Pfeifen fast ebenso schön wie im Theater bei König Lear. Doch dieses schmetternde, berstende Krachen können sie da nicht nachmachen, es würde sicher zu teuer sein; hurra, die Erde zerbricht, die Fluten gießen sich in die Tiefen, brodeln in Gluten. Aber wenn erst jene fahlgrauen Wolkenfetzen heransausen und die Schaumkämme lecken! O, es ist ja nicnts mehr da, wirklich, rein gar nichts mehr als Kraft und Stoff in wütend hysterischem Kampf, und wozu eigentlich - es ist schon alles vorüber."

 

Seine Figuren bis zur Auslöschung scheitern zu lassen, war eine gewagte Erzählerhaltung, die aber vor dem Hintergrund einer meinungspluralistischen Republik zu rechtfertigen war. In den folgenden Jahren glückte das nicht mehr.

Nach 1933 fiel Budzinski zwar nicht offiziell in Bann, aber die Verlage scheuten sich, ihn weiter zu publizieren. Die bei seinen Büchern ohnehin unterdurchschnittliche Druckquaität sank noch einmal; in "Ostpreußen ruft" von 1936 wurde nicht einmal mehr Maschinensatz für den Text verwendet. Budzinski versuchte daraufhin, im Eigenverlag mittels Wachsmatrizen zu veröffentlichen. Die Zeit bis 1944 ist nicht weiter aufgehellt; der Tod seines Freundes Emil Stumpp in erbärmlichen Haftbedingungen ließ Budzinski sicherlich Zurückhaltung in seinen Verhalten an den Tag legen. Von der Niederlage und einem Neuaufbau nach 1945 erhoffte er sich viel, auch im Sinn eines antikapitalistischen Prinzips. Insofern stand er der DDR nicht skeptisch gegenüber, wenngleich er seinen Wohnsitz in Hessen und später Westfalen behielt. Ausdruck seiner prinzipiellen Offenheit dem Sozialismus gegenüber war eine Veröffentlichung, die unter der Lizenznummer 116 von der Sowjetischen Militärverwaltung für den Greifenverlag in Rudolstadt erteilt wurde; noch einmal hatte das alte Wandervogel-Netzwerk funktioniert.

Die Handlung des Büchleins war fantastisch und erschreckend. "Das Gespensterschloss" schildert die Überlebensmaßnahmen zweier Heranwachsender, die auf der Flucht vor der Roten Armee ihre Familien verloren hatten - für Budzinski reale Tatsache aus familiärem Umkreis, wie er dem Buch voranstellt: "Meinen Enkelkindern, den wiedergefundenen und den bis jetzt vermißten in schwerer Zeit, Weihnachten 1945".

Das Buch begann mit einer unglaublichen Frechheit gegenüber den neuen Machthabern.

"Im Januar 1945 zogen lange Wagenreihen, sogenannte Trecks, aus Polen und Posen auf die rettenden Grenzen Deutschlands hin, fliehend vor den Russenheeren." Was die Militärverwaltung dennoch bewogen hatte, den Druck zu genehmigen (und dafür Rostoff und Energie freizugeben) war der Fortgang der teils völlig fantastischen Handlung, in dem die russischen Soldaten nicht dämonisiert wurden, sondern in den Kindern letztlich die Schicksale ihrer eigenen Kinder wiedererkannten und sich ihrer annahmen. Mit diesem Narrativ griff Budzinski letztlich eine Erzählung auf, die er bereits angesichts der Erlebnisse der masurischen Bevölkerung im Ersten Weltkrieg publiziert hatte, nämlich die Gleichheit aller vor dem Krieg.

Robert Budzinski: Das Gespensterschloss, S. 7

22. Dezember 2025

Robert Budzinski, so liest es sich vereinzelt, floh 1944 mit Familie und Erika Stern nach Warburg in Westfalen. Nach dem Tod seiner Frau 1954 zog er mit Stern in Marburg in Hessen zusammen. Mehr als 35 Jahre nach ihrem ersten Zusammentreffen blieb ihnen ein einziges gemeinsames Jahr, 1955 starb auch Budzinski.

Das passt zu der Rolle, die Stern in Budzinskis Werk eingenommen hatte; sie war in seiner produktivsten Schaffensphase sein häufigstes Modell und seine Inspiration. Nach seinem Tod ließen die noch lebenden Kinder sie den Nachlass von Robert Budzinski verwalten; sie gab einen wesentlichen Teil davon an die Universität bzw. deren Museum in Marburg.

Es gibt aber Hinweise, dass zumindest in den späten Jahren ein paar Details auch ganz anders betrachtet werden können und dafür müssen wir den Blick auf Hannah Kohlschein, die jüngste Tochter von Robert und Ida Budzinski werfen.

Hannah Budzinski heiratete nach ihrer künstlerischen Ausbildung an der Akademie in Königsberg den dortigen Akademielehrer Karl Kohlschein, der aus einer westfälischen Künstlerfamilie stammte. Er war es, der sie und ihre Mutter bewog, 1945 aus Königsberg zu fliehen. Das zumindest geht aus einem Zeitungsartikel hervor, der ihr gewidmet ist und Details offenbart, die stimmig sind (Westfalen-Blatt 13.11.2020). Fluchtgeschichten aus den belagerten Festungen an der Ostfront sind normalerweise widersprüchlich und verworren: Hier lösen sich jedoch einige Widersprüche auf. Wenn Robert Budzinski und Erika Stern nämlich bereits 1944 Königsberg verlassen konnten, erklärt es sich, warum er einen großen Teil seines künstlerischen Werkes mitnehmen konnte - das heute im Muesumsarchiv in Marburg ruht. Und wenn Hannah Kohlschein sich von ihrem Mann nicht trennen wollte, der als Soldat eingezogen worden war und 1945 bei den Kämpfen ums Leben kam, dann erklärt sich ihre Flucht erst kurz vor dem Untergang der Stadt, wobei sie ihre Mutter mitnahm, die nicht mit ihrem Mann vorab geflohen war.

Sie zog nach Warburg in die Nähe der Familie ihres Mannes, gab die künstlerische Betätigung auf, ließ sich an der Pädagogischen Hochschule in Paderborn ausbilden und wurde noch mit über 40 Jahren Lehrerin. 1997 starb sie in Freiburg bei weiteren Familienmitgliedern. Flucht, Vertreibung und Migration waren ihr 1912 nicht in die Wiege gelegt worden; seither sind sie leider zu Konstanten der europäischen Geschichte geworden. Wer bei dieser Erzählung vernachlässigt wurde, ist Ida Budzinski. Als Ehefrau von Robert Budzinski musste sie zumindest über Jahre mit einer Kontrahentin leben; als Mutter musste sie den Verlust eines Sohnes im Krieg erleben. Leider lassen sich keine weiteren Details aus ihrem Leben erzählen; es fehlt an Fakten.

Aus diesem Grund schließt sich hier ein doppelter Bildbeitrag an: Zwei Porträts zeigen diese außergewöhnlichen, dabei aber zeittypischen Frauen. Wie das Porträt von Robert Budzinski am Auftakt dieses Adventskalenders stammen auch sie aus der Hand von Emil Stumpp.  

Emil Stumpp: Ida Budzinski, 1932

Emil Stumpp: Hannah Budzinski, 1932

21. Dezember 2025

Heute, am vierten Adventssonntag, kommt nur eine einzige Abbildung einer Blume. Zeit, im Werk von Budzinski einmal innezuhalten und keinerlei Politik, verworrene Familienverhältnisse oder -beziehungen, keine Aktdarstellungen und keine schwer zu dechiffrierenden literarischen Texte heranzuziehen.

In den kommenden Tagen gibt es noch einen Blick auf Familienangehörige, eine sehr gedrängte Darstellung zu literarischen Werken und letztlich einen Abschied vom Künstler, der dann in 24 Tagen durch Leben und Werk begleitet worden ist.

Ich habe mir zu Beginn des Monats Hinweise und Ergänzungen, Kritik und Anmerkungen gewünscht. Obwohl die Zugriffszahlen auf die Homepage erkennen lassen, dass der "Adventskalender" auf ein erkennbares Interesse stößt, hat sich jedoch noch kein Kontakt wegen Budzinski ergeben...

Robert Budzinski: Rittersporn, undatiert

20. Dezember 2025

Die Rolle, die Erika Stern in Budzinskis Leben einnahm, wurde schon mehrfach angespochen. In seinen Werken thematisierte er ihre Beziehung mehrfach. Ihr privates Verhältnis reichte deutlich über Künstler-Muse-Konstellationen hinaus (dabei darf nicht vergessen werden, dass Budzinski die ganzen Jahre über weiterhin verheiratet blieb und in Königsberg am nordöstlichen Stadtrand mit seiner Familie wohnte). 

Neben den Abbildungen, die Budzinski unmittelbar nach und für Stern schuf, widmete er ihr eine ideologisch befrachtete Mappe, die als zweite Veröffentlichung der Neudeutschen Künstlergilden im Greifen-Verlag erschien. In diesen Gilden versuchte eine am Wandervogel orientierte Gruppe von Künstlern (Frauen sind nicht bekannt), eine kooperative Alternative gegen den kommerziellen Kunst- und Buchhandel einzurichten. Obwohl es sich bei "Am Teutoburger Walde" eigentlich um eine Sammlung von sechs Federzeichnungen der Landschaft handelt, luden zwei Widmungen den Inhalt politisch auf. Zunächst hatte Budzinski die Arbeiten auf eigenem Blatt "Erika Stern zugeeignet", was nicht weiter verwunderlich scheint. Im Greifenverlag war sein alter Bekannter Wilhelm "Willi" Geissler als Hausgrafiker tätig und ausgerechnet diese Mappe überreichte die Verlagsleitung nun "den Kronachern" zum 6. Bundestag. Der Kronacher Bund, Pfingsten 1920 gegründet, stand für eine gemäßigte Ausrichtung des Wandervogelgedankens und nahm bald auch Frauen auf, während die Mädchenorganisationen zunehmend aus dem Altwandervogel ausgegrenzt wurden. Budzinskis Landschaftszeichnungen wurden somit zu einem Symbol für Emanzipation  und Gleichberechtigung, das in der bündischen Jugend jedoch zunehmend ignoriert wurde (Es gibt erschreckende Zahlen, wieviele Wandervogel-Aktivisten nach 1933 in NS-Funktionen tätig wurden). Budzinski wie Stern standen gegen diese Entwicklung.

Robert Budzinski: Auf dem Hankenüll, 1919

Der Hankenüll ist eine Erhebung im Teutoburger Wald und liegt nur wenige Gehminuten nördlich von Kleekamp, wo das Ehepaar Heeren wohnte. Es sind also persönliche Bezüge, die Budzinski zu diesen Landschaftsbildern brachten. Die emanzipatorischen Bezüge dieser Arbeit sind lediglich aus den Verlagsumständen ersichtlich...

 

Robert Budzinski: Totentanz, Blatt 5, 1924

Vorgeblich schuf Budzinski seinen herausragenden Zyklus "Totentanz", sein bedeutendstes künstlerisches Werk, aus Freude über die Gesundung von Erika Stern. Sie überwand eine Tuberkulose-Erkrankung. Im Schlüsselroman "Kehr' um" überlebt ihre Figur die Krankheit nicht und das 'alter ego' von Robert Budzinski verfällt am Ende des Handlung dem Wahn. Nach 1945 wurde in Heerens Umfeld der Gedanke umgesetzt, den Totentanz noch einmal in neuer Auflage zu drucken. Von den ursprünglich acht Blättern ließen sich jedoch nur noch sechs drucktechnisch realisieren.

Mit dem Totentanz bewies Budzinski einmal mehr seine Verortung in einer über die Jahrhunderte hinwegreichenden Traditionslinie der Kunst. Totentänze des Mittelalters zeigten die Unausweichlichkeit des Todes, der personifiziert als Skelett als erster einer langen Reihe alle Stände in Tanzschritten anführte, vom Kaiser oder König bis hinunter zum Bettelmann. Dieses historische Totentanzverständnis vom Tod als großen Gleichmacher brach Budzinski nun auf, denn in seinem Totentanz triumphiert das Leben in Gestalt einer jungen Frau (Erika Stern) über den Tod und zertrümmert ihn im Tanz.

Wieder einmal wird ihre Person zur Chiffre für Emanzipation und Gleichberechtigung, denn Budzinskis Totentanz war noch eine sozialistische Note zu Eigen, wie aus dem Vorwort hervorgeht, das von Max Barthel verfasst wurde:

"Es stimmt, der Tod verschont weder den Bettler noch den reichen Mann, aber er holt sich den Bettler zwanzig Jahre früher von der Erde. [...] Heute noch ist der Tod der grausamste Henker, der die Armen von frühester Kindheit an bei lebendigem Leibe quält, schindet und rädert. [...] Wir heben uns hoch, wie das junge Mädchen auf den Blättern von Budzinski, [...] so wild geht der Herzschlag unsres Tanzes, dass unser schwarzer Geigenspieler ächzt und stöhnt und elend zerbricht. [...] Wir leben, weil wir die Erde lieben. Wir lieben die Erde, weil uns, der jungen, aufsteigenden Klasse, die Zukunft gehört."

Max Barthel (1893-1975) gehörte zu den so genannten Arbeiterdichtern. Sein weiterer Weg führte ihn nach 1933 von der radikalen linken Seite zu den Nationalsozialisten.  

 

Robert Budzinski: Totentanz, Blatt 7, 1924

19. Dezember 2025

Es ist eine merkwürdige Mappe, die Budzinski im Frühjahr 1922 unter dem Titel "Schatten" präsentierte. Schon der Verlagsort ist merkwürdig für einen Künstler aus Königsberg, denn der Verlagsbuchhändler Holzwarth saß in Bad Rothenfelde im Teutoburger Wald, rund 1200 Fahrkilometer entfernt. Die Erklärung liegt in dem alten Wandervogel-Netzwerk begründet. In Kleekamp bei Dissen, nur 12 Fahrminuten von Bad Rothenfelde entfernt, wohnte Hanns Heeren, ein alter Freund aus Wandervogelzeiten. Ein Besuch bei Heeren ist belegt; eine Mappe "Teutoburger Wald" ließ Budzinski bereits zwei Jahre früher erscheinen (dazu mehr am 20. Dezember).

Aber während sich diese Erklärung logisch anhand der Personalien anbietet, bleibt der Inhalt dennoch irritierend. Schon im Vorwort fällt ein merkwürdig getragener, mystifizierender Ton auf, den Budzinski in seinen sonstigen Texten nicht bietet:


"Ich singe das Lied der Finsternis, ein umgekehrter Franziskus. Ich denke an ihr Überallsein im Weltenraum, denn alle Sonnen und Myriaden Sterne sind in ihr wie die Glühwürmchen in einer Sommernacht. Die dunkelste Erdennnacht ist gegen sie noch eine Helligkeit, so tief und unergründlich ist sie, wo sie allein herrscht. Aber die Sonnenpünktchen sind eitel und zeigen sich stolz, glauben sich allmächtig und ewig, glühen und rollen und bringen Leben auf Leben hervor, das auch genau so ist, wie sie selber. [...] Wir werden das Licht erst lieben, wenn wir die Schatten kennen."

 

Diese Zeilen klingen nach halbverdauter Dialektik und zudem wusste Budzinski von fernöstlichen Mythen; Buddhismus war gesellschaftlich immer wieder modisches Schlagwort dieser Jahre. Allein, der Inhalt dieser Blätter passt weder zu dem einen noch zu dem anderen Gedanken. Stattdessen schwankt Budzinski zwischen Memento-Mori-Ideen und Sisyphus-Bildern, spottet menschlichen Strebens und bringt als einzig klar über Kleidungsattribute zeitlich einzubindenden Inhalt ein Blatt namens "Der Dritte", was überdeutlich auf eine unglückliche Ménage à Trois hinweist.

So wenig der Inhalt der Mappe sich heute offenbart, so offenkundig fand er Anklang

beim Verleger, der im darauffolgenden Jahr noch ein weiteres Mal Budzinski publizierte. Es erschien ein Bändchen mit zehn Exlibrisblättern, das auch ein Exlibris für Ilse Holzwarth enthielt.

Robert Budzinski: Der Dritte

Das Blatt muss nicht einmal psychologisch interpretiert werden; die Abwendung der Abgebildeten vom Mann an ihrer Seite ist offenkundig. Die dunklen Silhouetten im Hintergrund sind Chiffren der Bedrohung, die Budzinski in leicht abgewandelter Form öfter verwendete. Ob es sich bei diesem Thema um eine autobiographische Erfahrung Budzinskis handelt, die er sublimiert anbietet, muss letztlich offen bleiben. Es ist aber zumindest in den Figuren anderer Blätter eine autobiographische Note ersichtlich.

Robert Budzinski: Mori

Es handelt sich um das zweite Blatt eines Diptychons (das erste ist "Memento"): Es zeigt spiegelverkehrt in völliger Übereinstimmung ein bereits bekanntes Modell. Budzinski war Mehrfachverwerter seiner Figuren und Motive, aber dieser Grad der Ausprägung deutet auf Identität mit dem weiblichen Akt vom 17. Dezember und vermutlich auch 18. Dezember hin. Mit der Sense bzw. dem personifizierten Tod griff Budzinski auf ein Thema zurück, das er bereits während des Weltkriegs bearbeitet hatte und das er in naher Zukunft zu einem seiner ausdruckstärksten und wirkmächtigsten Werke ausformen sollte. Mit dem "Totentanz" sind wir auch wieder auf der sicheren Seite, was den autobiographischen Gehalt seiner Blätter angeht. Dazu morgen mehr...

18. Dezember 2025

Das letztgezeigte Aktbild am Strand verweist auf einige weitere Blätter. Dabei lässt sich ausnahmsweise vom Blatt ausgehend einmal aufzeigen, mit wem Budzinski bekannt war und wem er sogar zusammen gearbeitet hat - nur aus der beinahe identischen Darstellung einer Strandszene. Allerdings gibt es dabei einige kleine Konfusionen aufzuhellen.

Fangen wir zunächst mit einem Blatt an, dass Budzinski als eigenständiges Werk geschaffen hat. Mittels einer nachträglich eingefügten Schrift wurde das Blatt zu einem Exlibris umfunktioniert. Hier ist also deutlich zu erkennen, dass Budzinski den Exlibris-Sammelnden bei Interesse bereits vorhandene Arbeiten anbot. In diesem Fall wurde zumindest ein Exemplar dieses Exlibrisblattes aufgrund seiner Qualität wieder seiner Funktion als Buchbesitzzeichen entfremdet und schon vor Jahrzehnten von unbekannter Hand wieder durch Einfügung in Passepartout und Rahmen abermals zum eigenständigen Kunstwerk erhoben, wobei die Schrift erhalten blieb, das sie nicht außerhalb des Motivs positioniert worden war.

Aber der Reihe nach:

Robert Budzinski: Frau und Meer II, undatiert

Hier haben wir die Ausgangssituation. Wir können aufgrund der Bildinhalte kaum eine Aussage treffen: weiblicher Akt am Strand in klassischer Standbein-Spielbein-Pose stehend, den Kopf erhoben und in Richtung einer Möwe blickend. Die Frisur deutet einen Kurzhaarschnitt an (Bob). Die Abgebildete könnte aufgrund der Frisurenähnlichkeit mit dem Modell vom 17. Dezember identisch sein. Damit ist die Aussage erschöpft.

Es gab mindestens eine vorherige Ausformung dieses Bildes, sonst hätte Budzinski es nicht mit der römischen Nummer II gekennzeichnet. Datieren ließe es sich allenfalls über die Frisur als einzigem Zeitbezug innerhalb der Darstellung.

Die zweite Darstellung bezieht sich auf die Umarbeitung  zum Exlibris:

Robert Budzinski, Exlibris für Dr. Walter Vogel, undatiert

Dieses Blatt wurde aus seinem alten Rahmen nicht herausgelöst; über etwaige Vermerke und Inhalte außerhalb der Passepartoutöffnung lässt sich daher keine Aussage treffen. Deutlich ist zu erkennen, dass das Exlibris wiederum als eigenständiges Werk verstanden wurde und offenkundig an einer Wand gehängt worden war.

Der Exlibris-Sammler Walter Vogel, über dessen Sammlung von "Exlibris und Gebrauhsgraphik" bereits 1928 eine Abhandlung erschienen ist, hat sich möglicherweise wegen der Anlehnung seines Namens Vogel an den Bildinhalt (= Möwe) für diese Arbeit entschieden; ein vergleichbarer Sachverhalt liegt bei einem Budzinski-Exlibris für einen Sammler mit dem Namen Wald vor, das einen Akt im Wald zeigt. Damit ist das Blatt wie anhand der Frisur ungefähr in die 1920er-Jahre zu datieren.

Erst eine weitere Darstellung von Hand eines anderen Künstlers bringt zusätzliche informationen:

Richard Pfeiffer: Am Strand, 1921

Diese Arbeit erschien in den schon vorgestellten "Proletarischen Heimstunden" von 1925. Obwohl es eindeutig mit "Rich.[ard] Pfeiffer" signiert wurde, erschien es (wie oben abgebildet) als Werk von seiner Frau Gertrud Pfeiffer (1875-1939), die nebenbei bemerkt eigentlich den Namen Pfeiffer-Kohrt führte. Das gibt zu der Vermutung Anlass, dass es einen Vermerk an der Druckvorlage gab, der ihren Namen trug, der wichtiger und präziser schien als die Signatur. Figur, Frisur, Pose und Platzierung kurz vor der Wasserlinie sowie die drei Möwen an annähernd identischer Stelle am Himmel räumen jeden Zweifel aus, das Budzinski und Pfeiffer-Kohrt dieselbe Situation dargestellt haben. Die Felsen von Pfeiffer-Kohrt fehlen bei Budzinski, aber der Schatten deutet auf eine Positionierung Budszinskis am linken Bildrand hin, was die Felsen außer Blick geraten ließe. Es lässt sich zwar nicht sicher erhellen, wer abgebildet wurde, aber das Datum ist reklativ scharf aufzufassen und bei dem beruflichen Hintergrund des Paares ist auch ein professionelles Modell nicht von der Hand zu weisen. Zudem ist die Verortung im engsten Umfeld von Königsberg zu suchen.

Wer waren nun Richard Pfeiffer (1878-1972) und Gertrud Pfeiffer-Kohrt?

Über das Ehepaar lässt sich schnell im Internet nachlesen; wichtig hier ist der Umstand, dass Pfeiffer Akademie-Professor in Königsberg war. Budzinski nahm also am künstlerischen Leben Königsbergs in durchaus wahrnehmbarer Rolle teil. Zudem muss es eine deutlich hervorgehobene Beziehung des Paares zu ihm gegeben haben, denn Budzinski widmete Pfeiffer-Kohrt eine ganze thematische Mappe seines Werks. Über diese Mappe "Schatten" aber morgen mehr...

17. Dezember 2025

Es verbleibt noch eine knappe Woche, um im diesjährigem Adventskalender zu einem Abschluss zu kommen. Darum heute wenig Text, aber einige Abbildungen...

Robert Budzinski: Die Woge, 1919

Budzinski war sich der Wirkung seiner grafischen Trägermaterialien vollständig bewusst. Er war sich aufgrund seiner langjährigen Erfahrung in dieser Zeit seines Schaffens absolut sicher, welchen grafischen Effekt die unterschiedlichen Materialien in unterschiedlichen Verfahren hatten (scharfkantig, aber blockartig im Linol- und Holzschnit; scharfkantig-feinst in der Kaltnadel auf Metall; weich bei Lithografie auf Stein bzw. Ätztechnik auf Linoleum) - er wusste auch diese unterschiedlichen Effekte optimal für das Motiv zu nutzen. Die dritte Phase der Annäherung an das Wasser bedeutete, die Wellen, ihre Formen und ihren Schaum mit den Linien bzw. Flächen der menschlichen Körper interagieren zu lassen. Optimal setzte er das in dem diesem Blatt "Die Woge" um, dass jedem humanistisch geschultem Auge (und das war damals noch das ideal des Bildungsbürgertums) die meerschaumgeborene Aphrodite assoziiert (seinerzeit abgedruckt in Westermanns Monatsheften, wie 16. Dezember).

Robert Budzinski: Ohne Titel (1. Zustand)

Mit dem Verlassen des Wassers ist das Bad zwar abgetan, aber der Besuch des Meeres ist nach dem Bad noch nicht erledigt. In dieser zweiten Variante der Meerschaumgeborenen findet sich neben dem Signaturkürzel RB noch ein kleiner Stern. Der hat eine Bedeutung, die nichts mit Modell, Meer oder Radierung zu tun hat.  Es handelt sich hier um eine verschlüsselte Widmung für einen anderen Künstler, die öfter bei Budzinski auftaucht.

Der Hinweis auf den "1. Zustand" bedeutet nur, dass Budzinski die Platte für eine Überarbeitung vorsah. Das deutet darauf hin, dass es sich um eine metallische Platte und nicht um Linoleum gehandelt hat, was bei dem folgenden Blatt nicht mehr so eindeutig ist... 

Robert Budzinski: Exlibris für Gustav Drobner

Nach dem Bad folgte bei Budzinski die Erholung, das Entspannen und Vergessen des Alltags. Diese moderne Anspruch an Urlaub war relativ neu.

Gustav Drobner ließ sich nicht sicher ermitteln; es gab einen in den 1880er Jahren wegen Hochverrats angeklagten Schriftsetzer Gustav August Drobner, der "anarchistisches und socialdemokratisches Schrifttum" besessen haben soll. Der Exlibris-Sammler Drobner, für den zahlreiche Exlibris geschaffen wurden, trägt jedoch immer nur einen Vornamen.

Robert Budzinski: Am Meer

Dieses Blatt zeigt annähernd die selbe Pose des Modells, aber ohne Buch (das dem Exlibris geschuldet war) und ist so mit deutlicher Akzentverschiebung des Künstlers ausgestattet. Die Zeichnung ist banal bis primitiv etwa im Bereich der Zehen, die Landschaft durch den dunklen Blockstreifen mittig als dreigeteilte Strandlandschaft (Sandt-Meer-Himmel) hinlänglich charakterisiert.

Es geht nur noch um die Einbindung des Akts in Licht, Sonne und Strand.

16. Dezember 2025

Budzinski liebte es, zu baden und zu schwimmen. In einem sarkastisch-humoristischen Text über sein Leben, den er reichweitenstark in Westermanns Monatsheften (Jg. 74, Heft 979, =November 1929) lancieren konnte, schrieb er über sein Sportlehrer-Examen: "Auch mein Schwimmlehrerzeugnis lautete hervorragend [...] Ich war bei der Prüfung ins Bassin gestiegen, hatte eine Leitersprosse verfehlt und mußte kopfüber ins Wasser stürzen, war auch sofort untergegangen und erst nach längeren Bemühungen an die Oberfläche zurückgelangt, das wurde als vorzügliches Tauchen gewertet."

Sein gesamtes Oeuvre, sowohl das bildnerische als auch das literarische, ist durchzogen mit Personen und Figuren, die sich am Strand oder im Wasser aufhalten, in Ruhe, in Bewegung, in Arbeit, im Sport.

Neben den von ihm geliebten masurischen Seen wurde die Ostseeküste zum weiteren zentralen Thema seines Werkes. Ihm war bewusst, dass die Popularität der Strandbäder gleichzeitig dazu beitrug, die natürliche Schönheit der Küste verschwinden zu lassen. In seinen eigenen Worten - wiederum mit einer heiteren Note versehen, die eher auf Ironie als auf Freude beruht: "Die Wanderung hoch über dem Meere ist besonders bezaubernd; zu verfehlen ist der Weg nicht, weil Zigarettenstummel aus dem Sande goldig hervorblitzen. Wo diese doch nicht sein sollten, halte man sich an die überall vorhandenen Liebespaare." (Entdeckung Ostpreußens, 5. erw. Auflage 1933, S. 56)

Den touristischen Umstand blendete Budzinski häufig in den Abbildungen aus, indem er sich auf die Figuren konzentrierte. Seine überwiegend nackt Badenden überhöhte er literarisch in ironischer Brechung: "Natürlich kann man auch überall im Meere baden, man tue es aber nicht ohne Badeanzug, weil im Fall des Ertrinkens und der Auffischung der Leiche eine peinliche Situation entsteht. Man könnte sogar wegen Gefährdung der Sittlichkeit bestraft werden." (Ebda, S. 57)

Robert Budzinski: Ostseestrand

Die undatierte Radierung zeigt Budzinskis Idealvorstellung von der Ostseeküste. Steilufer mit Sandstrand und waldige, schattenspendenden Höhen über der Brandung. Einsamkeit als Voraussetzung für den oder die vereinzelten Menschen, um die Natur mit allen Sinnen genießen zu können. Im Zentrum der Abbildung eine winzige Figur, gerade noch als Körper zu erkennen.

Robert Budzinski, Tanz, 1920

Dieses und das voranstehende Blatt mussten vorsichtig digital retuschiert werden, weil sie fleckig und verfärbt sind. Das deutet darauf hin, dass ihre BesitzerInnen die Blätter schätzten, denn sie behielten sie ungeachtet ihres erbärmlichen Zustandes.

Diese Radierung von 1920 ist zeitgleich mit den politischen Arbeiten zum Thema Revolution und Republik entstanden, aber in ganz anderem Stil gehalten. Wo Budzinski für die politische Aussage die kräftige und drastisch kontrastreiche Holz- oder Linolschnitt-Technik nutzte, blickte er hier in der Radierung sehnsüchtig auf die Jahrhundertwende und ihre Ästhetik von Symbolismus und Jugendstil zurück. Mit diesem Blatt ist der zweite Schritt der Annäherung an das Meer vollzogen, der Strand ist erreicht. Im dritten Schritt geht es ins Wasser - das aber erst morgen...

15. Dezember 2025

Es ist an dieser Stelle noch einmal nötig, im zeitlichen Verlauf innezuhalten und einige Jahre zurückzugehen. 1918 hatten sich Budzinski und Stern erstmals getroffen und gegen den Willen seiner Familie über die Jahre eine Beziehung aufgebaut, die ungeachtet des Altersunterschieds sichtlich auf Liebe basierte. Dieses Beziehungsleben fand jedoch an den von Budzinski so genannten Sonnentagen statt - Auszeiten aus dem Alltag, die sie gemeinsam mit Urlaub verbrachten. Dieses Leben wird in den nächsten Tagen vorgestellt.

Hier soll noch einmal der Fokus darauf gelegt werden, wie sich Budzinski mit dem radikalen Sozialismus bzw. Kommunismus von Stern arrangierte.

Um 1920 ließ er eine Reihe von Blättern erscheinen, die der schon vorgestellte Arthur Wolf als "Robert Budzinski Mappe" herausgab und die nach dessen Worten ein Wegweiser der Heersäule an Frohngebeugten aus dem Dunkel der Zeit zu lichter Zukunft sein solle:
"Liebe krystallisiert sich aus geiferndem Haß der Vergangenheit und Sumpf religiös-mammonistischer >Moral< zu freiem Ineinanderwachsen lichtbesonnter Menschen, symbolisch andeutend das Wesen neuer Menschheit, die aus der Zelle flammenüberfluteter Verbundenheit von Mann und Frau zu einiger, glücklicher Form der Gesellschaft wächst." (Arthur Wolf: Begleitworte zur Robert-Budzinski-Mappe. Leipzig, UNS-Produktionsgenossenschaft, o. J.) 

Wie wir wissen, kamen Revolution und Gesellschaft nicht zu dem visonär erhofften Ziel. Aber Budzinski stellte seine Beziehung zu Stern damit klar in eine moralisch aufwärtsgerichtete Bewegung. Wie sich seine Frau dazu positionierte, ist nicht überliefert...

Robert Budzinski: Liebespaar. Blatt 17 der Robert-Budzinski-Mappe

Die Monster sind schon vertraut; es sind die selben Gestalten, die die personifizierte Revolution erschlagen hatten.  Hier sind sie nicht in der Lage, dem im Wasser zu neuen Ufern aufbrechenden Liebespaar Einhalt zu gebieten. Die Motivik mag heute kitschig wirken - zeitgenössisch war sie das nicht: Die Groteske als Illustrationsmittel der Gegenwart war in der Kunst der Weimarer Republik geläufig und wurde problemlos verstanden.

 

Robert Budzinski: Kommunismus, Blatt 18 der Robert-Budzinski-Mappe

Budzisnki verklärt den Kommunismus in quasi-religöser Teleologie. Nicht nur, dass der Aufstieg aus dem Dunkeln ins Licht alle Register christlichen Selbstverstädnisses zieht, der Kommunismus wird sogar mit dem paradiesischen Leben vor dem Sündenfall, nämlich in vollständiger Nacktheit, assoziiert.  Der Unterschied zur christlichen Theologie liegt in der Gemeinschaft: Während die biblische Erzählung im Garten Eden nur ein einzelnes Paar leben lässt, bietet der Kommunismus einer ganzen Gesellschaft paradiesische Zustände.

Robert Budzinski: Illustration aus "Kehr' um", 1930

Die Handschrift lautet:

„Der Kommunismus in Büchern, der auf der Straße und Barrikaden, der mit Löchern in den Kleidern, strupigen Haaren, auch der in Russland, ist mir nie gefährlich gewesen, sie aber hat die Überzeugungskraft weiblicher Glieder, der Jugend und der Schönheit – Achtung also!“

Die Personen im dem autobiographischen Schlüsselroman von Budzinski lösen an der Stelle das Problem, ob er Kommunist werde, nicht auf: "Er sprang auf, kletterte an einem Baum in die Höhe, sie riß ihn an seinem Fuß herunter, beide rollten nach unten ins Wasser hinein und gelangten wenigstens hier wieder auf den Grund." (Kehr' um, S. 241f.) 

14. Dezember 2025

Im März 1925 wandte sich der Landrat des westpreußischen Kreises Deutsch Krone hoffnungsvoll an die Akademie der Künste in Berlin: In seinem Landkreis sollte von einem Kreisausschuss eine Mappe von historischen Gebäuden und schönen Landschaften und markanten Ansichten zur Förderung des Heimatsinnes und der Pflege der Heimatliebe herausgegeben werden. Scheidenden Beamten solle sie als Erinnerung mitgegeben werden, bei Jugend- und Sportfesten den Siegern eine würdige Auszeichnung  sein und die Kreisbevölkerung mit den Schönheiten des Kreises bekannt machen. Den Landrat plagten jedoch Zweifel, ob die Arbeiten des auf Anraten von autoritativer Seite gewählten „Radierers Robert Budzinski in Königsberg“  wirklich künstlerisch einwandfrei seien, ob die Federzeichnungen  ausreichten oder ob sie noch durchgearbeitet werden müssten, ob es sich nicht empfehle, statt eines einzelnen Künstlers eine größere Anzahl mit dieser Aufgabe zu betrauen und ob „überhaupt ein Ortsfremder bei einem kurzen Besuch den Charakter fremder Gegenden so erfahren kann, daß er das Charakteristische der Gegend herausarbeitet“ - kurz, der gebürtige Kölner Dr. Anton Rick (1887-1949) hatte offensichtlich keine Neigung zu Budzinskis Zeichnungen und erhoffte sich Unterstützung für die Ablehnung der Arbeiten, zumal es für die Entwürfe angeblich eine so herbe Kritik gegeben haben soll, dass der Landrat an eine Vervielfältigung nicht denken mochte. Die für ihn ernüchternde Antwort des Impressionisten Ulrich Hübner, der sich bei seiner Begutachtung auch noch die Zustimmung des Akademie-Kollegen Ludwig Julius Christian Dettmann sichern konnte, fiel jedoch eindeutig aus: die Zeichnungen Budzinskis entsprächen durchaus ihrem Zweck und stellten gegenüber seinen früheren, „in der Mappe Kreis Rosenberg bereits produzierten, sogar einen unverkennbaren Fortschritt dar“.  Wenngleich Hübner konstatierte, die Federzeichnungen seien in ihrer Qualität ungleich, konnte das dem Landrat keineswegs aus der Bredouille helfen: Für die Mappe wurden 15 Blätter aus dem Konvolut der vorgelegten 26 Zeichnungen benötigt.

Die entscheidende Frage bleibt indes - leider! -  unbeantwortet: Wer in Ost- oder Westpreußen war so "autoritativ", dass er unwilligen Landräten für Kunstprojekte auch gegen deren Willen seinen Favoriten aufzwingen konnte?

 

Quelle: Akademie der Künste, Berlin; Archiv, Akte 0934 (Bl. 141f., 145-148)

Robert Budzinski: Dt. Krone vom Wasserturm, 1925

Es handelt es sich hierbei um das Auftaktblatt der "15 Federzeichnungen von Robert Budzinski", die der "Kreisausschuß Deutsch Krone" herausgeben ließ. Der überstimmte Landrat zog sich auf die einzige ihm verbliebene Position zurück; er verweigerte ein Vorwort. Die Mappe erschien ohne begleitenden oder erläuternden Text.

Es ist schwer zu erkennen, was Rick an Budzinskis Zeichnungen zu beanstanden hatte, weshalb es vermutlich der Stil war, an dem seine Kritik ansetzte. Die scheinbar hingeworfenen Federzeichnungen fanden jedoch offenbar Anklang, denn in diesem Stil publizierte Budzinski durchaus erfolgreich.

Robert Budzinski: Jastrow, Badeanstalt, 1925

Mit diesem Blatt schloss die Mappe Deutsch Krone. Wieder einmal kehrt Budzinski hier zu seinem ureigensten Thema zurück, den badenden Menschen. Der Exlibris-Sammler Gernbot Blum, der auf Grundlage seiner eigenen Sammlung eines der wesentlichen Werke über Budzinski herausgab, urteilte in ähnlichem Zusammenhang, wenngleich er sich dabei auf Ost- und nicht auf Westpreußen bezog: "Budzinski ließ sich nie zu Gefälligkeitsarbeiten bewegen, sondern schuf Exlibris mit den Themen seiner ostpreußischen Heimat, mit ihren Wäldern und Seen und dem Meer und häufig integriert in diese Landschaft der nackte Mensch, sei es der weibliche oder männliche Akt oder das nackte Paar. [...] Seine Werke spiegeln die Sehnsucht des Menschen nach Natürlichkeit und Natur wieder, wodurch er ähnlich wie Fidus zum Wegbereiter der nudistischen Bewegung in Deutschland wurde." (zu Gernot Blum vgl. den Eintrag vom 5. Dezember 2025).

Morgen noch einmal ein wenig politische Inhalte, ehe es übermorgen zu Akt und Meer übergeht!

13. Dezember 2025

Die erwähnten Heimatbücher und -mappen förderten auch etliche Skurrilitäten bzw. sind aus heutiger Sicht Anlass für Irritationen - auch ohne in irgendwelche Nationalismen zu verfallen, wie es vermutet werden könnte...

Neben den eigenständigen Werken, die Budzinski herausbrachte, gab es daneben unselbstständige Arbeiten, etwa bei der Werbemappe für den Kreis Rosenberg/Westpreussen.

Ferdinand Friedensburg: Vorwort zur Kunstmappe für den Kreis Rosenburg, 1924

Friedensburg (1886-1972) war ein (links-)liberaler Politiker der Deutschen Demokratischen Partei (DDP); seine umsichtige Vorgehensweise als Landrat des Kreises Rosenberg ließ ihn Karriere machen.  Als Polizeivizepräsident von Berlin trat er nach 1925 vorbehaltlos für die Weimarer Republik ein, schon im September 1933 wurde er von den Nationalsozialisten entlassen; 1946 wurde er für die CDU stellvertretender Oberbürgermeister von Berlin und leitete während der Berliner Blockade vorübergehend die Amtsgeschäfte.

Ob Friedensburg und Budzinski miteinander bekannt waren und der Auftrag für die Federzeichnungen darin begründet liegt, ist unklar. Jedenfalls legte Friedensburg sein Abitur am Gymnasium Steglitz ab, der Keimzelle der Wandervogelbewegung. 

 

Aus heutiger Sicht ist der Stolz auf das mit Torf beheizte Elektrizitätswerk, "das gern von Fremden aufgesucht" werde, nur noch schwer zu vermitteln, weil die Abtorfung und Verbrennung von Torf als massive Sünden im Klimawandel zu betrachten sind. Damals war es jedoch eine vorbildliche, den mangelnden alternativen Ressourcen geschuldete Maßnahme zur Stromversorgung der agrarisch geprägten Region.

Robert Budzinski: Kreisüberlandwerk Rosenberg, 1924

12. Dezember 2025

Warum Budzinski in den 1920er Jahren überhaupt mit einem heimatverbundenden Werk Öffentlichkeit finden konnte, war extrem zeitgebunden, wenngleich die Aufmerksamkeit noch lange anhielt. Auch hier war der unselige Krieg, die "Urkatastrophe des 20. Jahrunderts" (George F. Kennan), wesentliche Ursache. 1920 kam es in Ost- und Westpreußen zu einer Volksabstimmung über die weitere Zugehörigkeit zum Deutschen Reich oder zum neuen Staat Polen. Budzinski lebte mit seiner Familie zu diesem Zeitpunkt bereits über zehn Jahre in Konitz und arbeitete am deutschsprachigen Gymnasium. Als sich die Bevölkerung dort für Polen entschied, wurde Budzinksi die Übernahme in den polnischen Staatsdienst angeboten. Er soll selbst polnische Wurzeln gehabt haben (sein Name wird übrigens Budschinski ausgesprochen) und konnte sich wohl auch in polnischer Sprache leidlich ausdrücken. Gleichwohl hätte er sich in einem polnischen Staat so wenig heimisch gefühlt, wie die polnischsprachige Bevölkerung es im Deutschen Reich konnte. Budzinski quittierte daher den Staatsdienst - was in solchen Fällen möglich war - und zog mit einer bescheidenen Pension in die ostpreußische Hauptstadt Königsberg, wo er fortan mit seiner Familie lebte und sein Auskommen als freier Künstler zu suchen hatte.

Der Verlust der Heimat war nicht nur für ihn schmerzhaft; die faktisch existente und latente Bedrohung der Deutschen im Osten mit ihren seit Jahrhunderten verbundenen Landschaften schuf eine mediale Aufmerksamkeit, die es ihm ermöglichte, auf diesem Feld eine solide Arbeitsgrundlage zu finden. In rascher Folge erschienen von ihm allein oder kollektiv herausgegebene Mappen und Heimatbücher, die bei aller Verbundenheit mit der Geschichte und den Städten und Landschaften gleichwohl nie reaktionär waren, der Vermischung der Ethnien und Sprachen Respekt zollten und auch vor dem Hintergrund seiner politisch linken Einstellung durchaus auf internationale Verständigung abzielten.

Robert Budzinski: Exlibris für die Wandervogelgruppe Konitz

Hier zunächst noch ein undatiertes Exlibris, das Budzinski dem Wandervogel von Konitz widmete, das einige wesentliche Elemente seines modernen Heimatverständnisses beinhaltete: Heimat war der erarbeitete und bewirtschaftete, nicht aber der lediglich ererbte Raum. Die expressive Darstellung sowie die Personenkonstellation verweisen auf eine Entstehung um 1920, also im Zusammenhang mit dem Verlust von Konitz als Heimat. Budzinski ging vom Alter auf die 50 Jahre zu; sich nach Königsberg zu wenden, war verständlich, weil er es von seinem Studium her kannte und es als wirtschaftliches Oberzentrum der gesamten Region die Voraussetzungen für eine Tätigkeit als freischaffender Künstler bot.

Robert Budzinski: Lazekfluss am Niedersee, 1924

Der Niedersee, mittlerweile Jezioro Nidzkie, rund 160 Kilometer von Königsberg bzw. Kaliningrad gelegen, war Budzinskis Favorit unter den binnenländischen Seen. Als Teil der Masurischen Seen lag und liegt er in ausgedehnten Waldgebieten. Budzinski hat ihn häufig dargestellt oder als Hintergrund für andere Darstellungen genutzt. "Lazek" lässt sich nicht einwandfrei identifizieren: Es enthält eindeutig das polnische Lasek (Wald, Gehölz) und es gibt im Süden des Sees zwei Campingplätze, die darauf verweisen. Seit einhundert Jahren wird die Gegend intensiv für Wassersport genutzt.

11. Dezember 2025

Robert Budzinski: Ostseestrand Warniken, undatiert

In den 1920er Jahren wandelte sich das Werk von Budzinski noch einmal entscheidend. Hatte er zuvor Landschaften nur sporadisch und eher dem Exlibris als Motiv untergeordnet geschaffen, so wuchs die Zahl an Blättern, die Städte und Landschaften aus Ost- und Westpreußen zeigen, rasant an. In den nächsten Tagen mehr davon, hier nur als Vorgeschmack eine expressionistisch-kräftige Darstellung aus seiner vermutlich reichweitenmächtigsten Publikation, der "Entdeckung Ostpreußens".

10. Dezember 2025

Heute gibt es einen kleinen Exkurs, der ein spezielles Problem der Aktdarstellung bei Budzisnki beleuchten soll.

Nach heutigem Verständnis ließe sich vorbringen, dass Budzinski auffällig ausgeprägt Engagement und Werksanteile der Darstellung des weiblichen Akts gewidmet habe. Das kann zumindest fragwürdig erscheinen, wenn das Verhältnis zwischen Mann und Frau augewogen sein soll.

Zunächst eine simple Antwort auf diesen Sachverhalt: Es gibt auch männliche Akte von Budzinski! Deshalb werden heute zwei Darstellungen mit männlicher Nacktheit präsentiert.

Die kompliziertere Antwort verweist von unserer Zeit weg auf die Entstehungszeit dieser Arbeiten. Ohne es ausführlich zu belegen, weil das eine detaillierte Darstellung anhand verschiedener Werkzustände erfordert, lässt sich festhalten, dass die Exlibris-Sammelnden bei Budzinski nicht nur nach Bestellung arbeiten ließen, sondern sich häufig auch etwas aus dem vorhandenen Material aussuchten und daraufhin erst ihr Name eingesetzt wurde. Sehr oft haben offenkundig Frauen Motive mit weiblichen Aktdarstellungen ausgesucht oder - wenn sie bei der Auswahl eventuell kein Mitspracherecht gehabt haben sollten - das Motiv zumindest im nachhinein akzeptiert, was durch die faktische Verwendung in ihren Büchern belegt wird.

Robert Budzinski: Badende, undatiert

Aus den schon erwähnten "Proletarischen Heimstunden" des Jahrgangs 1923 stammt diese Abbildung, in der Budzinski unübersehbar einen männlichen Akt in den Mittelpunkt stellt, wenngleich die Männlichkeit des Aktes mehr aus der Darstellung imposanter Muskulatur als aus der präzisen Darstellung der Genitalien folgt. Implizit schwingt jedoch in der Darstellung des nackten Körpers auch ein Ideal der Klassenlosigkeit mit, weil allein die Hülle die soziale Zugehörigkeit definiert: Der Beruf des Abgebildeten ist schlicht nicht erkenntlich.

Robert Budzinski: Exlibris Richard Werner Dorn, undatiert

Dieses Exlibris ist das einzig bekannte in Budzinskis Werk, das mit einer separaten Schriftfarbe gearbeitet wurde. Die Überlagerung der roten Schrift durch die schwarzen Striche der Zeichnung zeigt die Möglichkeit auf, hier sei mit einer separaten Platte oder einem Stempel zunächst die Schrift gesetzt worden, ehe das Motiv mit einer reinen Bildplatte darüber gedruckt wurde.

Dorn (1906-1922) war teils selbst Künstler, teils Exlibris-Sammler. Für spätere Jahre ist eine geisteswissenschaftliche Tätigkeit für den Wiesbadener Verlag Harrassowitz belegt, der sich noch heute schwerpunktmäßig philologischer Literatur widmet. Das interessante Motiv, das selbst den Streitwagenlenker vergleichbar einer Marionette noch einer übergeordneten Kontrolle unterwirft, ließe sich in völlig unterschiedlichen Interpretationen ausleuchten. Am einfachsten ist es als Hinweis auf die Fehlbarkeit meschlicher Hybris zu lesen.

9. Dezember 2025

Es war Pfingsten 1918, noch war Krieg, aber im ostpreußischen Allenstein fand ein Gautag des Wandervogels statt. Für die Teilnehmenden war es ein Ausbruch aus dem Alltag. Auch Budzinski nahm an dem Treffen teil, offenbar als zeichnerischer Chronist der Veranstaltung, wenngleich das eher einer geplanten Veröffentlichung geschuldet, als offizieller Natur war. Im darauffolgenden Jahr ließ er bei Erich Matthes, einem der bedeutendsten Wandervogel-Verleger, unter dem Titel "Sonnentage" eine Beschreibung des Treffens folgen, die er aus Sicht der Sonne schilderte und mit zehn Lithographien illustrierte.

Viel wesentlicher für das weitere Leben Budzinskis aber war es, dass er bei diesem Treffen eine junge Frau kennenlernte und sich beide verliebten. Erika Stern war 22 Jahre jünger als Budzinski. Für lange Jahre war sie sein wesentliches Modell, seine Muse und Kontrahentin seiner Ehefrau, denn Budzinski ließ sich nicht von seiner Frau Ida scheiden.

Katja Wehry, die 2002 in Marburg ihre Abschlussarbeit über Budzinski schrieb, hatte noch Einsicht in sein Tagebuch. In einer Ausstelllungspublikation zwei Jahre später zitiert sie:

"Aber ich kann von dem Mädchen, das mich liebt, nicht lassen. Müsste ich es, so wäre meine Ehe erst wirklich gelöst. Ich verlange von Ida nur, dass sie mich gewähren lässt, ein paar kurze Sonnentage mit Erika zusammenzuleben." (Katja Wehry, Robert Budzinski (1874-1955), Graphik und Malerei, Marburg 2004, S. 6.)

Diese Sonnentage fanden offenbar mehrere Jahre lang statt, Budzinski veröffentlichte einige Bände, in denen analoge Figurenkonstellationen existierten und deren autobiographische Bezüge er nicht einmal zu verbergen versuchte.

Im Rahmen dieser Beziehung übernahm Budzinski von Stern radikalere Ansichten, tendierte weiter nach links und übernahm erfrischend moderne Ansichten über Heimat, Krieg und Emanzipation.

Die Diskrepanz in ihrem Verhältnis war Budzinski bewusst, mehrfach porträtierte er seine Partnerin entsprechend als "Jugend", als "Sonne" und  "Zukunft". Unter ihrem Einflusss löste er sich letzlich sogar aus der zunehmend völkischer auftretenden Wandervogelbewegung und arbeitete nicht mehr mit den gewohnten Verlegern zusammen.

Robert Budzinski: Illustration aus Sonnentage.

Budzinski schildert weiter die Anreise seiner Wandervogelgruppe nach Allenstein:
"Aus einem wolkenlosen Maienhimmel strahlte die Sonne nur durch wenige Nachtstunden unterbrochen, auf uns hernieder, schimmerte auf Eisenbahnschienen, blendete von Seen, flimmerte im Walde, glühte bei Festveranstaltungen, leuchtete aus frohen Augen, machte uns müde, umflutete die Badenden, verklärte die Reigentänze und drang uns tief ins Gemüt.

Wir werden diese Wandervogelsonne auch in einem langen Leben nicht vergessen.

[...] Noch ein Stück mit der Bahn, dann beginnt, froh begrüßt, die Fahrt. Hochwaldfichten, der erste See, eine  Schneidemühle, rote Stämme, doch bald beginnt Einsamkeit. [...] Wie in Postillonstagen wird jede menschliche Siedlung mit Gesang und Klampfenzupfen begrüßt, stumpfe Gesichter nicken freundlich. Und dann der Brunnen! Wisst Ihr's noch? Was ist Sekt, was Nektar dagegen." 

Robert Budzinski: Kornblumen [Porträt Erika Stern], 1920. In: Proletarische Heimstunden. Zeitschrift für proletarische Literatur, Kunst, Aufklärung und Unterhaltung, Jg. 1923, S. 306.

Budzinski publizierte in den 1920er Jahren für diverse Zeitungen und Zeitschriften, gab aber auch eigenständige Publikationen heraus. Diese Porträtzeichnung von Erika Stern erschien konsequent und ihren Ansichten angemessen in einem linken Verlag des linken Verlegers Arthur Wolf. Aber während Budzinski die politische Landschaft von rechts nach links durchlief, ging Wolf den entgegengesetzten Weg. 1925 schrieb Wolf noch selbstbewusst: "Unter den linksgerichteten Verlegern verstehen wir all jene, welche ihre Tätigkeit nicht durch Nationalismus, Rassenhass, Dogmatismus oder durch skrupellosen Geschäfts- und Gewinngeist bestimmen lassen, die vielmehr ihr Werk in den Dienst einer bestimmten, wirklichen, die Menschheit aufwärts führenden Kulturaufgabe zu stellen. Eine Abgrenzung kann nur in politischer und kulturpolitischer Beziehung auf der Linie radikaler republikanischer Gesinnung nach rechts gezogen werden; alle Verleger, deren Tätigkeit links von dieser Linie liegt, sind in den von uns gemeinten Kreis eingeschlossen, ohne irgendwelche einseitige Betonung einer betreffenden Richtung. Jede verlegerische Tätigkeit, die sich gegen die auch in der Gegenwart allzu tätigen Mächte der Vergangenheit wendet und Bausteine des neuen, zukünftigen Werden liefert, gehört zu dem Block fortschrittlicher Kulturentwicklung.“ (Zitiert nach: Helga W. Schwartz: DIE WÖLFE IN LEIPZIG, Versuch der späten Würdigung eines Leipziger Kleinverlags der 1920er Jahre. In: juni-magazin.de)

1933 jedoch wurde Wolf nach wirtschaftlichen Schwierigkeiten zum Parteigänger der Nationalsozialisten und so erinnert sich ein Bekannter an ihn: "1933 war ich in
Berlin, doch als ich nach Leipzig kam, da lief mir, beinahe als einer der ersten, Wolf in der braunen Uniform über den Weg. Ich war sprachlos – und bin ohne zu grüßen an ihm
vorbeigegangen“. (Ebda.)

8. Dezember 2025

Meine am 2. Dezember aufgeworfene Frage, ob Budzinski nicht nur ein deutschtümelnder konservativer Landschullehrer gewesen sei, wird durch die bisherigen Bilder und Quellen eher belegt, als widersprochen. Eine gewisse Kriegsmüdigkeit allein bringt Budzinski in keinerlei avantgardistische Rolle.

Aber dann erscheinen bereits kurz nach Kriegsende Arbeiten Budzinskis, die zumindest aufhorchen lassen: Blätter, die Republik und sogar Revolution feiern.

Das wurde in Budzinskis herkömmlichem Umfeld nicht begriffen und sogar versucht, in das Gegenteil zu interpretieren.

Der Wandervogel stand ohnehin an einem Scheideweg. Die jugendlich-unbekümmerte Bewegung war zu einem schwerfälligen und wankenden Bund geworden, in dem heftige Richtungskämpfe tobten: Wie die erste Generation integrieren? Der Bund schwankte zwischen straffer Führungsstruktur mit den älteren Wandervögeln auf hierarchisch hervorgehobener Position und einem lockeren Verbund, der sich aus der Jugend selbst heraus organisierte. Neben alten Fragen (wie nach der Stellung der Mädchen und Frauen in der Bewegung) kamen neue auf: Wie zur Republik stehen? Wie sich zur Kriegsschuldfrage verhalten?

Während der Bund eine verbindliche Zukunft suchte, entwickelte er sich gleichzeitig zu einem Berufsfeld, das Mitgliedern Einkommen und Stellung bot: Verleger druckten Zeitschriften und Bücher, Publizisten fanden auch in der breiten Öffentlichkeit Resonanz. Budzinski selbst war in diesen Prozess eingebunden: Er beförderte die Gründung einer Künstlergilde, die hinter ihrem pseudomittelalterlichen Namen eine moderne Produktionsform auf Kooperationsbasis verwirklichen wollte.

Wie es dazu kam, dass er einen Wechsel von deutschnationalem Denken zu einem moderneren, emanzipatorisch aufgeschlossenen Weltbild vollzog, lässt sich mit einem singulären Erlebnis begründen. Hier einige Arbeiten, die aus dieser Zeit stammen:

Robert Budzinski: Erwachen der Menschheit. Aus: Der junge Deutsche 1, 1918

In symbolistischer Form- und Motivsprache, gepaart mit einer modernen Fratzenhaftigkeit der Karikatur, beschreibt Budzinski in seinem Linolschnitt eine Erweckungsgeschichte. Die Zukunft der Menschheit gründet sich auf den Untergang der Monarchien, die mit Monstern und Schreckgestalten gleichgesetzt werden.

Die Zeitschrift, in der Budzinski das publizierte, stand deutlich im rechten Spektrum. Wie wenig er dabei verstanden wurde, lässt sich an einem zweiten Beispiel sehr deutlich zeigen.

Robert Budzinski: 1918. Aus: Der junge Deutsche 1, 1918.

Nach redaktioneller Interpretation von Karl Plenzat sollte der Linolschnitt die Niederlage Deutschlands im Krieg darstellen, weil doch Budzinski "an seines Volkes unheilvollem Geschick leidvollen Anteil nimmt. - Endlich ist es gelungen: der lichte, siegfriedgleiche Recke ist zu Fall gebracht; aus tiefer Pfeilwunde fließt sein Herzblut. Da wagt es das feige Gesindel, dessen Überzahl den Edelmenschen hingestreckt hat, aus seinen Schlupfwinkeln hervorzukriechen. - Grinsende Schadenfreude tanzt und jubelt. Doch, wenn sie giergepeitscht näher zu schleichen wagen, dann verzerrt furchtgemischtes Grauen manche der höhnenden breitmäuligen Fratzen. Ehrfurcht gebietet noch des unterlegenen Edelings lichte Schönheit..."

Abgesehen von der plumpen nationalistisch-rassistischen Abgrenzung Deutschlands gegen seine umliegenden Feindvölker, liegt der Interpretation ein kompletter Trugschluss zu Grunde. Dargestellt ist nicht der Untergang des Deutschen Reiches, sondern die Niederschlagung der Revolution! Noch 1918 tritt Budzinski der SPD bei.

Aber was hat ihn zu diesem Wechsel in der Weltanschauung bewogen? Die Antwort lässt sich sogar datieren und die Frage muss nicht gestellt werden, WAS ihn gewogen hat, den Standpunkt zu ändern, sondern WER das vollbracht hat.

Robert Budzinski: Herbstsonne, 1918

In der Abgebildeten, einer jungen Frau mit markanter Nase, blonden Zöpfen "und blaue Augen hat sie auch noch gar", liegt die Erklärung für Budzinskis Gesinnungswandel. Aber dazu in den kommenden Tagen mehr... 

7. Dezember 2025

Auch heute werden zwei Exlibris folgen, die gleich auf mehrere Themen - oder Motivfelder bei Budzinski hinweisen. Während des Ersten Weltkrieges schuf Budzinski eine erhebliche Anzahl an Exlibris. Das ging auf eine entsprechende Nachfrage zurück, die Budzinski selbst mit dem "Wandervogel" verknüpfte. Diese Jugendbewegung um die Jahrhundertwende wandte sich einem halbromantischem Heimatverständnis zu, das zur Folge hatte, dass Schülergruppen unter Anleitung älterer Wandervögel die Landschaft durchwanderten. Sie schufen mit ihrer Hinwendung zur Volksmusik ("Zupfgeigenhansel") die Voraussetzungen nicht nur für den modernen Schlager, auch Pop und selbst Rockmusik sind heute ohne die "Klampfe" (= Gitarre oder Laute), das Lieblingsinstrument der Wandervögel, nicht zu denken.

Budzinskis Landschaftsmotive sind teils deckungsgleich mit dem Naturverständnis der Wandervögel; er organisierte für die Ortsgruppe Konitz Wanderungen und illustrierte später einige Musiksammlungen. Vor allem aber hatte er Kontakt zu weiteren Wandervögeln mit ähnlichem literarischen Geschmack und dazu gehörte, die eigene Bibliothek mit Exlibris zu kennzeichnen. Für beide Familien der folgenden Blätter gibt es Belege für eine spätere Wandertätigkeit in Form von Vereinsmitgliedschaften bzw. Wanderführern. Ein direkter Nachweis einer Wandervogelzugehörigkeit steht indes aus.

Robert Budzinski: Exlibris für Elfried Heinicke

Mit diesem Blatt gerät erstmals das Totentanzmotiv in das Werk von Budzinski. Später sollte er die Thematik noch deutlich aufwändiger ausführen. Elfriede Heinicke, vermutlich 1909 in Sachsen als Tochter von Lina und Paul Heinicke geboren, promovierte 1933 zur Zahnärztin. Für ihre Familie wurden zahlreiche Exlibris geschaffen; aus der Sammlung ihres Vaters ging die Sammlung von Schloss Burgk hervor.

Warum Budzinski ein solches Blatt für ein siebenjähriges Mädchen schuf, kann nur gemutmaßt werden. Streng genommen war es kein Exlibris, sondern ein Widmungsblatt. Rund zehn später arbeitete er einen ganzen entsprechenden Zyklus aus, weil seine Muse Erika Stern eine tödliche Erkrankung überwunden hatte (dazu später mehr). Vielleicht lag hier eine ähnliche Situation vor: Elfriede Heinicke starb erst 1981.

Robert Budzinski: Exlibris für Kurt Frahne, 1916

Mit diesem Erntebild schuf Budzinski ein selbstverständliches ländliches Sommermotiv. Die Getreideernte und das Einbringen des Strohs waren vor der Mechanisierung der Landwirtschaft harte körperliche Arbeiten.

Kurt Frahne dürfte daran nicht teilgehabt haben. Er war ein Fabrikantensohn aus Landeshut in Niederschlesien, der nach Promotion im elterlichen Unternehmen tätig war. Er starb 1945 in Landeshut, heute Kamienna Góra.

6. Dezember 2025

Heute erst einige erläuternde Zeilen, dann zwei Abbildungen.

Budzinski reüssierte während der Kriegsjahre auf einem Gebiet, das zwitterartig zwischen Gebrauchsgraphik und reiner Kunst changierte. Anders als seine gleichaltrigen eingezogenen Kollegen hatte er Zeit, Aufträge anzunehmen. Zwei Belege für seine reichsweite Bekanntheit zumindest in sammelnden Kreisen beleuchten ein heikles politisches Problem. Wir wissen nicht, warum ein Sportlehrer, der tagelange Wanderungen unternehmen konnte, vom Kriegsdienst freigestellt war, aber in seinen Arbeiten zeigt sich vorsichtige Skepsis an der Notwendigkeit des Krieges; herausgegriffen seien zwei Blätter von 1916 - eine Geburtsanzeige, die das Kind hellstrahlend zwischen dunklen Soldatengestalten mit finsteren Fratzen zeigt und ein Ex-Libris für einen bekannten Sammler, in dem der Krieg als kindisches Spiel dargestellt wird.

Es ist leider notwendig, Budzinskis umfassenderes Werk stets auf kleinformatige Graphik zurückführen zu müssen - andere Arbeiten dieser Zeit sind nicht erhalten.

Robert Budzinski: Geburtsanzeige für Martin Rolf Otto Liebhold, 1916

Das Kind war (nach einer älteren Schwester Ruth Agnes und gefolgt von einem Bruder Klaus Gerhard) am 21.7.1916  als erster Sohn des jüdischen Zigarrenfabrikanten Michael Siegfried Liebhold in Heidelberg geboren. Der Vater starb 1938 an den Folgen der KZ-Haft in Dachau; die Mutter Amalie Gertrud ("Wally") beging als Überlebende des Holocaust am 27.12.1945 in Jerusalem Suizid. Die Geschwister überlebten nach Flucht in die USA.

Robert Budzinski: Exlibris für Hermann Junge, 1916

Hermann Junge war in vierter Generation Universitätsbuchhänder und -drucker in Erlangen. Es gibt weitere Exlibris für ihn von anderen Künstlern; er muss als Sammler verstanden werden. Junge war 1916 Vater zweier kleiner Kinder (ein- und zweijährig). Wenn das Motiv nicht von ihm vorgegeben wurde (das ist bei Budzinski öfter vorgekommen), so hat er sich doch mit dem Thema identifzieren können: Krieg als kindisches Spiel. Schwer zu erkennen sind die Soldaten in den Wolken, die sich gegenseitig massakrieren. Wie in der Geburtsanzeige Liebholds folgte Budzinski hier bereits einer später eingängigen Ikonographie, die die deutschen Pickelhaubenträger auf der rechten Bildseite, nach links angreifend , verortete.

5. Dezember 2025

Deutscher Wille, Des Kunstwarts 29. Jahr, 29.02.1916, S. 12f.

Anders als in den übrigen Reichsteilen war in Ostpreußen der Schrecken des Krieges direkt über Landschaft und Bevölkerung hinweggegangen. Aber im zweiten Weltkriegsjahr erlebte die gesamte Bevölkerung des Deutschen Reiches spürbar die Folgen der Kriegswirtschaft und des eingeschränkten Welthandels; den bildenden KünstlerInnen gingen die Materialien aus. Budzinskis knappe Anleitung, aus dem noch in ausreichender Menge vorhandenen Linoleum einen reproduktionsfähigen Druckträger zu erstellen, fand entsprechend weite Resonanz. Sein eigener Wissensvorsprung auf diesem Gebiet ließ jedoch noch Jahrzehnte später Experten verzweifeln, die nicht sicher sein konnten, ob seine Drucke nun "Strichätzung, Kaltnadelradierung und Flächenätzung mit Aquatinta" seien oder doch auf "verschiedenste Weise miteinander kombiniert oder in solitärer Form variiert" (Axel Vater: Zu den druckgraphischen Techniken. In Gernot Blum: Robert Budzinski = Monographien deutschsprachiger Exlibris-Künstler, Band 4, hier S. 30).

Deshalb beschränkt sich das Werkverzeichnis seiner Exlibris darauf, nur zwischen Holzschnitt, Linolschnitt und Lithographie sowie Ätzgrundradierung zu unterscheiden...

 

Und für alle Lesenden, die bis hierhin durchgehalten haben, folgt jetzt das früheste bekannte Exlibris, das Budzinski nicht für sich selbst, sondern für den ansonsten völlig unbekannten Walther Plaumann geschaffen hat.* Aufgrund der Tonalität des Hintergrundes kann es sich um eine Linolradierung handeln. Die Darstellung ist noch sehr dem Jugendstil und der Motivik von Fidus verpflichtet.

 

* Es handelt sich möglicherweise um den aus Ostpreußen stammenden Gerhard Walter Bernhard Plaumann. Der 1874 geborenene Papyrologe fiel als Leutnant in den letzten Kriegstagen, am 23.10.1918. 

Robert Budzinski: Exlibris für Walther Plaumann, 1911.

4. Dezember 2025

Königliches Gymnasium zu Dt. Eylau, Bericht über das Schuljahr 1906

Es waren magere Jahre für den frisch Verheirateten. Als Hilfslehrer stand er in der Hierarchie des Gymnasiums ganz unten und als so genannter technischer Lehrer (Sport und Kunst) konnte er mit der ggfs. promovierten Elite der Lehrkräfte aus den humanistischen Fächern nicht mithalten. Beides wirkte sich auf die Besoldung aus. Geld war knapp im Haushalt der Familie. Aus der Berichterstattung der Kunstzeitschriften dieser Jahre erhellt, dass Budzinski wiederholt versuchte, an regionalen Ausstellungen teilzunehmen. Aus Ölbildern der ersten Jahre wurden bald günstiger herzustellende Aquarelle. Bis 1912 wurden vier Kinder geboren und Budzinski ersann umgehend ein noch günstigeres Verfahren für die Produktion seiner Bilder. Er kannte vom Schulunterricht den Linolschnitt und versuchte sich daran, Linoleum als Bildträger für Radierungen einzusetzen.

Morgen dazu noch einmal ein wenig Theorie und dann gibt es auch an den folgenden Tagen endlich eine Reihe Bilder.

3. Dezember 2025

Die Zeilen, in denen sich Budzinski mit dem Abstand von 20 Jahren selbst darstellt, fallen durch ihren zynischen und bitteren Ton auf. Ein Ton, den Budzinski sonst seiner Kritik am Bürgertum mit seiner Fortschritts- und Technikgläubigkeit vorbehielt. Die Eigendarstellung (die - wie bei bei Budzinski üblich - bezüglich des Geburtsdatums nicht stimmte; 1900 war er 26, aber nicht 16) sei noch um schlichte Fakten ergänzt:

1874 knapp südlich der Masurischen Seenplatte in Klein-Schläfken/Ostpreußen in die Familie eines Landschuldirektors geboren, war der Weg in die Lehrerkarriere vorgezeichnet. Nach Besuch der Akademien in Berlin und Königberg ergriff Budzinski zum Lebensunterhalt der Familie (1903 Heirat mit Ida Wenk) den Beruf als Zeichen- und Turnlehrer.

Robert Budzinski: Erziehung zur Kunst. Hartenstein/Sachsen, Greifenverlag 1920.

2. Dezember 2025

Mit diesem Blatt (hier in Form einer zeitgleichen Postkarte) wurde der über 40 Jahre alte Gymnasiallehrer einer westpreußischen Landschule schlagartig reichsweit bekannt. Er gewann damit einen Wettbewerb, den der konservative Verleger Ferdinand Avenarius im Dürerbund bzw. in seiner Zeitschrift "Kunstwart" ausgelobt hatte: Gesucht wurde eine Vorlage für ein Gedenkblatt für Gefallene des Weltkrieges.

In der Folge protegierte der "Kunstwart" Budzinski, der aus gesundheitlichen Gründen nicht als Soldat eingezogen worden war. Als Lehrer unternahm er in dieser Zeit mit der Wandervogelgruppe seiner Heimatstadt Konitz Fahrten durch die benachbarten Landkreise.

Der Vers "Durch Todesnacht bricht ewges Morgenrot" stammt von Theodor Körner, dem damals so verstandenen "Dichter der Befreiungskriege". War Budzinski also schlichtweg ein deutschtümelnder konservativer Landschullehrer? Morgen folgen ein paar Sätze über seine frühe Biographie...

1. Dezember 2025

Zum Start eine Darstellung, die Robert Budzinski zeigt. Diese Lithographie stammt von der Hand Emil Stumpps, einem der bekanntesten Pressezeichner der Weimarer Republik. Für seine geistige wie politische Haltung wurde er von den Nationalsozialisten 1941 zu Tode gebracht. Stumpp und Budzinski waren über ihre gemeinsame Arbeit hinaus miteinander bekannt, aber der Grad ihrer Freundschaft lässt sich nicht sicher angeben; immerhin gibt es auch eine Federzeichnung von Budzinski, die Stumpp zeigt. Gemeinsam war beiden Künstlern, dass sie zu Beginn der 1920er Jahre ihre sicheren Gymnasiallehrer-stellen aufgaben, um selbständig und freischaffend ihr Auskommen zu suchen.

 

Der aufmerksame und offene Blick und die leichte Belustigung, die um den Mund zu schwingen scheint, waren wie das kaum gebändigte Haar, die runde Brille und die Pfeife Charakteristika von Budzinski.

 

Zu Stumpp gibt es einen sehr guten Wikipedia-Eintrag; eine sehr hohe Zahl von Abbildungen seines Porträtwerkes findet sich auf der Seite www.emil-stumpp.de.

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