Künstlerhaus Jan Oeltjen e. V.
Künstlerhaus Jan Oeltjen e. V.

Adventskalender 2025

Vorbemerkung:

Nach einem Jahr Pause gibt es in diesem Jahr wieder einen Adventskalender.

 

Die selbst auferlegten Regeln sind einfach: Bis zum 24.12.2025 gibt es jeden Tag einen neuen Eintrag. Spätestens um 18.00 Uhr wird der neue Inhalt online gestellt. In diesem Jahr wird sich der gesamte Adventskalender um Robert Budzinski drehen. Dafür gibt es gute Gründe:

Um Bildmaterial in das Internet zu stellen, muss entweder eine Erlaubnis der UrheberrechtsinhaberIn vorliegen oder das Material muss "gemeinfrei" sein. Das liegt vor, wenn der Todeszeitpunkt des Künstlers bzw. der Künstlerin länger als 70 Jahre zurückliegt. Seit dem März 2025 ist Budzinskis Werk gemeinfrei. Natürlich darf dann auch nicht beliebiges Material genutzt werden, sondern nur selbst erzeugtes. Fotografien, die keine weiteren Besitzrechte verletzen (weil sie Werke aus eigenem Besitz zeigen) können daher problemlos präsentiert werden.

Für Budzinski liegt eine kleine Privat-Sammlung vor, aus der Abbildungen vorgestellt und mit Textbeiträgen vervollständigt werden. Es gibt noch keine öffentliche Institution, die sich dieses Künstlers vollumfänglich angenommen hätte. Wenn nicht anders angegeben, stammen alle Texte und Reproduktionen von Volker Maeusel.

Vor zwei Jahren hatte das Künstlerhaus Jan Oeltjen eine Ausstellung mit graphischen Arbeiten von Budzinski gezeigt. Sie hatte bei den Besuchenden enorme Resonanz ausgelöst; leider war der Besuch jedoch insgesamt zurückhaltend. Mit diesem Adventskalender kann nun quasi eine Online-Ausstellung nachgeholt werden. Auf Kritik und Zuschriften sind wir gespannt... Lieb wären uns auch ergänzende Hinweise, denn die Literatur zu Budzinski ist übersichtlich und die eigenen Recherchen decken bei weitem nicht das ganze Leben und Werk ab.

 

Jeden Tag werden nun ein Bild oder mehrere Bilder und einige begleitende Anmerkungen eingestellt. Der neueste Eintrag wird immer oben platziert; wer neu einsteigt, sollte sich bitte ganz nach unten zum Einstieg bewegen.

Wir wünschen allen Lesenden viel Freude bei der Lektüre!

15. Dezember 2025

Es ist an dieser Stelle noch einmal nötig, im zeitlichen Verlauf innezuhalten und einige Jahre zurückzugehen. 1918 hatten sich Budzinski und Stern erstmals getroffen und gegen den Willen seiner Familie über die Jahre eine Beziehung aufgebaut, die ungeachtet des Altersunterschieds sichtlich auf Liebe basierte. Dieses Beziehungsleben fand jedoch an den von Budzinski so genannten Sonnentagen statt - Auszeiten aus dem Alltag, die sie gemeinsam mit Urlaub verbrachten. Dieses Leben wird in den nächsten Tagen vorgestellt.

Hier soll noch einmal der Fokus darauf gelegt werden, wie sich Budzinski mit dem radikalen Sozialismus bzw. Kommunismus von Stern arrangierte.

Um 1920 ließ er eine Reihe von Blättern erscheinen, die der schon vorgestellte Arthur Wolf als "Robert Budzinski Mappe" herausgab und die nach dessen Worten ein Wegweiser der Heersäule an Frohngebeugten aus dem Dunkel der Zeit zu lichter Zukunft sein solle:
"Liebe krystallisiert sich aus geiferndem Haß der Vergangenheit und Sumpf religiös-mammonistischer >Moral< zu freiem Ineinanderwachsen lichtbesonnter Menschen, symbolisch andeutend das Wesen neuer Menschheit, die aus der Zelle flammenüberfluteter Verbundenheit von Mann und Frau zu einiger, glücklicher Form der Gesellschaft wächst." (Arthur Wolf: Begleitworte zur Robert-Budzinski-Mappe. Leipzig, UNS-Produktionsgenossenschaft, o. J.) 

Wie wir wissen, kamen Revolution und Gesellschaft nicht zu dem visonär erhofften Ziel. Aber Budzinski stellte seine Beziehung zu Stern damit klar in eine moralisch aufwärtsgerichtete Bewegung. Wie sich seine Frau dazu positionierte, ist nicht überliefert...

Robert Budzinski: Liebespaar. Blatt 17 der Robert-Budzinski-Mappe

Die Monster sind schon vertraut; es sind die selben Gestalten, die die personifizierte Revolution erschlagen hatten.  Hier sind sie nicht in der Lage, dem im Wasser zu neuen Ufern aufbrechenden Liebespaar Einhalt zu gebieten. Die Motivik mag heute kitschig wirken - zeitgenössisch war sie das nicht: Die Groteske als Illustrationsmittel der Gegenwart war in der Kunst der Weimarer Republik geläufig und wurde problemlos verstanden.

 

Robert Budzinski: Kommunismus, Blatt 18 der Robert-Budzinski-Mappe

Budzisnki verklärt den Kommunismus in quasi-religöser Teleologie. Nicht nur, dass der Aufstieg aus dem Dunkeln ins Licht alle Register christlichen Selbstverstädnisses zieht, der Kommunismus wird sogar mit dem paradiesischen Leben vor dem Sündenfall, nämlich in vollständiger Nacktheit, assoziiert.  Der Unterschied zur christlichen Theologie liegt in der Gemeinschaft: Während die biblische Erzählung im Garten Eden nur ein einzelnes Paar leben lässt, bietet der Kommunismus einer ganzen Gesellschaft paradiesische Zustände.

Robert Budzinski: Illustration aus "Kehr' um", 1930

Die Handschrift lautet:

„Der Kommunismus in Büchern, der auf der Straße und Barrikaden, der mit Löchern in den Kleidern, strupigen Haaren, auch der in Russland, ist mir nie gefährlich gewesen, sie aber hat die Überzeugungskraft weiblicher Glieder, der Jugend und der Schönheit – Achtung also!“

Die Personen im dem autobiographischen Schlüsselroman von Budzinski lösen an der Stelle das Problem, ob er Kommunist werde, nicht auf: "Er sprang auf, kletterte an einem Baum in die Höhe, sie riß ihn an seinem Fuß herunter, beide rollten nach unten ins Wasser hinein und gelangten wenigstens hier wieder auf den Grund." (Kehr' um, S. 241f.) 

14. Dezember 2025

Im März 1925 wandte sich der Landrat des westpreußischen Kreises Deutsch Krone hoffnungsvoll an die Akademie der Künste in Berlin: In seinem Landkreis sollte von einem Kreisausschuss eine Mappe von historischen Gebäuden und schönen Landschaften und markanten Ansichten zur Förderung des Heimatsinnes und der Pflege der Heimatliebe herausgegeben werden. Scheidenden Beamten solle sie als Erinnerung mitgegeben werden, bei Jugend- und Sportfesten den Siegern eine würdige Auszeichnung  sein und die Kreisbevölkerung mit den Schönheiten des Kreises bekannt machen. Den Landrat plagten jedoch Zweifel, ob die Arbeiten des auf Anraten von autoritativer Seite gewählten „Radierers Robert Budzinski in Königsberg“  wirklich künstlerisch einwandfrei seien, ob die Federzeichnungen  ausreichten oder ob sie noch durchgearbeitet werden müssten, ob es sich nicht empfehle, statt eines einzelnen Künstlers eine größere Anzahl mit dieser Aufgabe zu betrauen und ob „überhaupt ein Ortsfremder bei einem kurzen Besuch den Charakter fremder Gegenden so erfahren kann, daß er das Charakteristische der Gegend herausarbeitet“ - kurz, der gebürtige Kölner Dr. Anton Rick (1887-1949) hatte offensichtlich keine Neigung zu Budzinskis Zeichnungen und erhoffte sich Unterstützung für die Ablehnung der Arbeiten, zumal es für die Entwürfe angeblich eine so herbe Kritik gegeben haben soll, dass der Landrat an eine Vervielfältigung nicht denken mochte. Die für ihn ernüchternde Antwort des Impressionisten Ulrich Hübner, der sich bei seiner Begutachtung auch noch die Zustimmung des Akademie-Kollegen Ludwig Julius Christian Dettmann sichern konnte, fiel jedoch eindeutig aus: die Zeichnungen Budzinskis entsprächen durchaus ihrem Zweck und stellten gegenüber seinen früheren, „in der Mappe Kreis Rosenberg bereits produzierten, sogar einen unverkennbaren Fortschritt dar“.  Wenngleich Hübner konstatierte, die Federzeichnungen seien in ihrer Qualität ungleich, konnte das dem Landrat keineswegs aus der Bredouille helfen: Für die Mappe wurden 15 Blätter aus dem Konvolut der vorgelegten 26 Zeichnungen benötigt.

Die entscheidende Frage bleibt indes - leider! -  unbeantwortet: Wer in Ost- oder Westpreußen war so "autoritativ", dass er unwilligen Landräten für Kunstprojekte auch gegen deren Willen seinen Favoriten aufzwingen konnte?

 

Quelle: Akademie der Künste, Berlin; Archiv, Akte 0934 (Bl. 141f., 145-148)

Robert Budzinski: Dt. Krone vom Wasserturm, 1925

Es handelt es sich hierbei um das Auftaktblatt der "15 Federzeichnungen von Robert Budzinski", die der "Kreisausschuß Deutsch Krone" herausgeben ließ. Der überstimmte Landrat zog sich auf die einzige ihm verbliebene Position zurück; er verweigerte ein Vorwort. Die Mappe erschien ohne begleitenden oder erläuternden Text.

Es ist schwer zu erkennen, was Rick an Budzinskis Zeichnungen zu beanstanden hatte, weshalb es vermutlich der Stil war, an dem seine Kritik ansetzte. Die scheinbar hingeworfenen Federzeichnungen fanden jedoch offenbar Anklang, denn in diesem Stil publizierte Budzinski durchaus erfolgreich.

Robert Budzinski: Jastrow, Badeanstalt, 1925

Mit diesem Blatt schloss die Mappe Deutsch Krone. Wieder einmal kehrt Budzinski hier zu seinem ureigensten Thema zurück, den badenden Menschen. Der Exlibris-Sammler Gernbot Blum, der auf Grundlage seiner eigenen Sammlung eines der wesentlichen Werke über Budzinski herausgab, urteilte in ähnlichem Zusammenhang, wenngleich er sich dabei auf Ost- und nicht auf Westpreußen bezog: "Budzinski ließ sich nie zu Gefälligkeitsarbeiten bewegen, sondern schuf Exlibris mit den Themen seiner ostpreußischen Heimat, mit ihren Wäldern und Seen und dem Meer und häufig integriert in diese Landschaft der nackte Mensch, sei es der weibliche oder männliche Akt oder das nackte Paar. [...] Seine Werke spiegeln die Sehnsucht des Menschen nach Natürlichkeit und Natur wieder, wodurch er ähnlich wie Fidus zum Wegbereiter der nudistischen Bewegung in Deutschland wurde." (zu Gernot Blum vgl. den Eintrag vom 5. Dezember 2025).

Morgen noch einmal ein wenig politische Inhalte, ehe es übermorgen zu Akt und Meer übergeht!

13. Dezember 2025

Die erwähnten Heimatbücher und -mappen förderten auch etliche Skurrilitäten bzw. sind aus heutiger Sicht Anlass für Irritationen - auch ohne in irgendwelche Nationalismen zu verfallen, wie es vermutet werden könnte...

Neben den eigenständigen Werken, die Budzinski herausbrachte, gab es daneben unselbstständige Arbeiten, etwa bei der Werbemappe für den Kreis Rosenberg/Westpreussen.

Ferdinand Friedensburg: Vorwort zur Kunstmappe für den Kreis Rosenburg, 1924

Friedensburg (1886-1972) war ein (links-)liberaler Politiker der Deutschen Demokratischen Partei (DDP); seine umsichtige Vorgehensweise als Landrat des Kreises Rosenberg ließ ihn Karriere machen.  Als Polizeivizepräsident von Berlin trat er nach 1925 vorbehaltlos für die Weimarer Republik ein, schon im September 1933 wurde er von den Nationalsozialisten entlassen; 1946 wurde er für die CDU stellvertretender Oberbürgermeister von Berlin und leitete während der Berliner Blockade vorübergehend die Amtsgeschäfte.

Ob Friedensburg und Budzinski miteinander bekannt waren und der Auftrag für die Federzeichnungen darin begründet liegt, ist unklar. Jedenfalls legte Friedensburg sein Abitur am Gymnasium Steglitz ab, der Keimzelle der Wandervogelbewegung. 

 

Aus heutiger Sicht ist der Stolz auf das mit Torf beheizte Elektrizitätswerk, "das gern von Fremden aufgesucht" werde, nur noch schwer zu vermitteln, weil die Abtorfung und Verbrennung von Torf als massive Sünden im Klimawandel zu betrachten sind. Damals war es jedoch eine vorbildliche, den mangelnden alternativen Ressourcen geschuldete Maßnahme zur Stromversorgung der agrarisch geprägten Region.

Robert Budzinski: Kreisüberlandwerk Rosenberg, 1924

12. Dezember 2025

Warum Budzinski in den 1920er Jahren überhaupt mit einem heimatverbundenden Werk Öffentlichkeit finden konnte, war extrem zeitgebunden, wenngleich die Aufmerksamkeit noch lange anhielt. Auch hier war der unselige Krieg, die "Urkatastrophe des 20. Jahrunderts" (George F. Kennan), wesentliche Ursache. 1920 kam es in Ost- und Westpreußen zu einer Volksabstimmung über die weitere Zugehörigkeit zum Deutschen Reich oder zum neuen Staat Polen. Budzinski lebte mit seiner Familie zu diesem Zeitpunkt bereits über zehn Jahre in Konitz und arbeitete am deutschsprachigen Gymnasium. Als sich die Bevölkerung dort für Polen entschied, wurde Budzinksi die Übernahme in den polnischen Staatsdienst angeboten. Er soll selbst polnische Wurzeln gehabt haben (sein Name wird übrigens Budschinski ausgesprochen) und konnte sich wohl auch in polnischer Sprache leidlich ausdrücken. Gleichwohl hätte er sich in einem polnischen Staat so wenig heimisch gefühlt, wie die polnischsprachige Bevölkerung es im Deutschen Reich konnte. Budzinski quittierte daher den Staatsdienst - was in solchen Fällen möglich war - und zog mit einer bescheidenen Pension in die ostpreußische Hauptstadt Königsberg, wo er fortan mit seiner Familie lebte und sein Auskommen als freier Künstler zu suchen hatte.

Der Verlust der Heimat war nicht nur für ihn schmerzhaft; die faktisch existente und latente Bedrohung der Deutschen im Osten mit ihren seit Jahrhunderten verbundenen Landschaften schuf eine mediale Aufmerksamkeit, die es ihm ermöglichte, auf diesem Feld eine solide Arbeitsgrundlage zu finden. In rascher Folge erschienen von ihm allein oder kollektiv herausgegebene Mappen und Heimatbücher, die bei aller Verbundenheit mit der Geschichte und den Städten und Landschaften gleichwohl nie reaktionär waren, der Vermischung der Ethnien und Sprachen Respekt zollten und auch vor dem Hintergrund seiner politisch linken Einstellung durchaus auf internationale Verständigung abzielten.

Robert Budzinski: Exlibris für die Wandervogelgruppe Konitz

Hier zunächst noch ein undatiertes Exlibris, das Budzinski dem Wandervogel von Konitz widmete, das einige wesentliche Elemente seines modernen Heimatverständnisses beinhaltete: Heimat war der erarbeitete und bewirtschaftete, nicht aber der lediglich ererbte Raum. Die expressive Darstellung sowie die Personenkonstellation verweisen auf eine Entstehung um 1920, also im Zusammenhang mit dem Verlust von Konitz als Heimat. Budzinski ging vom Alter auf die 50 Jahre zu; sich nach Königsberg zu wenden, war verständlich, weil er es von seinem Studium her kannte und es als wirtschaftliches Oberzentrum der gesamten Region die Voraussetzungen für eine Tätigkeit als freischaffender Künstler bot.

Robert Budzinski: Lazekfluss am Niedersee, 1924

Der Niedersee, mittlerweile Jezioro Nidzkie, rund 160 Kilometer von Königsberg bzw. Kaliningrad gelegen, war Budzinskis Favorit unter den binnenländischen Seen. Als Teil der Masurischen Seen lag und liegt er in ausgedehnten Waldgebieten. Budzinski hat ihn häufig dargestellt oder als Hintergrund für andere Darstellungen genutzt. "Lazek" lässt sich nicht einwandfrei identifizieren: Es enthält eindeutig das polnische Lasek (Wald, Gehölz) und es gibt im Süden des Sees zwei Campingplätze, die darauf verweisen. Seit einhundert Jahren wird die Gegend intensiv für Wassersport genutzt.

11. Dezember 2025

Robert Budzinski: Ostseestrand Warniken, undatiert

In den 1920er Jahren wandelte sich das Werk von Budzinski noch einmal entscheidend. Hatte er zuvor Landschaften nur sporadisch und eher dem Exlibris als Motiv untergeordnet geschaffen, so wuchs die Zahl an Blättern, die Städte und Landschaften aus Ost- und Westpreußen zeigen, rasant an. In den nächsten Tagen mehr davon, hier nur als Vorgeschmack eine expressionistisch-kräftige Darstellung aus seiner vermutlich reichweitenmächtigsten Publikation, der "Entdeckung Ostpreußens".

10. Dezember 2025

Heute gibt es einen kleinen Exkurs, der ein spezielles Problem der Aktdarstellung bei Budzisnki beleuchten soll.

Nach heutigem Verständnis ließe sich vorbringen, dass Budzinski auffällig ausgeprägt Engagement und Werksanteile der Darstellung des weiblichen Akts gewidmet habe. Das kann zumindest fragwürdig erscheinen, wenn das Verhältnis zwischen Mann und Frau augewogen sein soll.

Zunächst eine simple Antwort auf diesen Sachverhalt: Es gibt auch männliche Akte von Budzinski! Deshalb werden heute zwei Darstellungen mit männlicher Nacktheit präsentiert.

Die kompliziertere Antwort verweist von unserer Zeit weg auf die Entstehungszeit dieser Arbeiten. Ohne es ausführlich zu belegen, weil das eine detaillierte Darstellung anhand verschiedener Werkzustände erfordert, lässt sich festhalten, dass die Exlibris-Sammelnden bei Budzinski nicht nur nach Bestellung arbeiten ließen, sondern sich häufig auch etwas aus dem vorhandenen Material aussuchten und daraufhin erst ihr Name eingesetzt wurde. Sehr oft haben offenkundig Frauen Motive mit weiblichen Aktdarstellungen ausgesucht oder - wenn sie bei der Auswahl eventuell kein Mitspracherecht gehabt haben sollten - das Motiv zumindest im nachhinein akzeptiert, was durch die faktische Verwendung in ihren Büchern belegt wird.

Robert Budzinski: Badende, undatiert

Aus den schon erwähnten "Proletarischen Heimstunden" des Jahrgangs 1923 stammt diese Abbildung, in der Budzinski unübersehbar einen männlichen Akt in den Mittelpunkt stellt, wenngleich die Männlichkeit des Aktes mehr aus der Darstellung imposanter Muskulatur als aus der präzisen Darstellung der Genitalien folgt. Implizit schwingt jedoch in der Darstellung des nackten Körpers auch ein Ideal der Klassenlosigkeit mit, weil allein die Hülle die soziale Zugehörigkeit definiert: Der Beruf des Abgebildeten ist schlicht nicht erkenntlich.

Robert Budzinski: Exlibris Richard Werner Dorn, undatiert

Dieses Exlibris ist das einzig bekannte in Budzinskis Werk, das mit einer separaten Schriftfarbe gearbeitet wurde. Die Überlagerung der roten Schrift durch die schwarzen Striche der Zeichnung zeigt die Möglichkeit auf, hier sei mit einer separaten Platte oder einem Stempel zunächst die Schrift gesetzt worden, ehe das Motiv mit einer reinen Bildplatte darüber gedruckt wurde.

Dorn (1906-1922) war teils selbst Künstler, teils Exlibris-Sammler. Für spätere Jahre ist eine geisteswissenschaftliche Tätigkeit für den Wiesbadener Verlag Harrassowitz belegt, der sich noch heute schwerpunktmäßig philologischer Literatur widmet. Das interessante Motiv, das selbst den Streitwagenlenker vergleichbar einer Marionette noch einer übergeordneten Kontrolle unterwirft, ließe sich in völlig unterschiedlichen Interpretationen ausleuchten. Am einfachsten ist es als Hinweis auf die Fehlbarkeit meschlicher Hybris zu lesen.

9. Dezember 2025

Es war Pfingsten 1918, noch war Krieg, aber im ostpreußischen Allenstein fand ein Gautag des Wandervogels statt. Für die Teilnehmenden war es ein Ausbruch aus dem Alltag. Auch Budzinski nahm an dem Treffen teil, offenbar als zeichnerischer Chronist der Veranstaltung, wenngleich das eher einer geplanten Veröffentlichung geschuldet, als offizieller Natur war. Im darauffolgenden Jahr ließ er bei Erich Matthes, einem der bedeutendsten Wandervogel-Verleger, unter dem Titel "Sonnentage" eine Beschreibung des Treffens folgen, die er aus Sicht der Sonne schilderte und mit zehn Lithographien illustrierte.

Viel wesentlicher für das weitere Leben Budzinskis aber war es, dass er bei diesem Treffen eine junge Frau kennenlernte und sich beide verliebten. Erika Stern war 22 Jahre jünger als Budzinski. Für lange Jahre war sie sein wesentliches Modell, seine Muse und Kontrahentin seiner Ehefrau, denn Budzinski ließ sich nicht von seiner Frau Ida scheiden.

Katja Wehry, die 2002 in Marburg ihre Abschlussarbeit über Budzinski schrieb, hatte noch Einsicht in sein Tagebuch. In einer Ausstelllungspublikation zwei Jahre später zitiert sie:

"Aber ich kann von dem Mädchen, das mich liebt, nicht lassen. Müsste ich es, so wäre meine Ehe erst wirklich gelöst. Ich verlange von Ida nur, dass sie mich gewähren lässt, ein paar kurze Sonnentage mit Erika zusammenzuleben." (Katja Wehry, Robert Budzinski (1874-1955), Graphik und Malerei, Marburg 2004, S. 6.)

Diese Sonnentage fanden offenbar mehrere Jahre lang statt, Budzinski veröffentlichte einige Bände, in denen analoge Figurenkonstellationen existierten und deren autobiographische Bezüge er nicht einmal zu verbergen versuchte.

Im Rahmen dieser Beziehung übernahm Budzinski von Stern radikalere Ansichten, tendierte weiter nach links und übernahm erfrischend moderne Ansichten über Heimat, Krieg und Emanzipation.

Die Diskrepanz in ihrem Verhältnis war Budzinski bewusst, mehrfach porträtierte er seine Partnerin entsprechend als "Jugend", als "Sonne" und  "Zukunft". Unter ihrem Einflusss löste er sich letzlich sogar aus der zunehmend völkischer auftretenden Wandervogelbewegung und arbeitete nicht mehr mit den gewohnten Verlegern zusammen.

Robert Budzinski: Illustration aus Sonnentage.

Budzinski schildert weiter die Anreise seiner Wandervogelgruppe nach Allenstein:
"Aus einem wolkenlosen Maienhimmel strahlte die Sonne nur durch wenige Nachtstunden unterbrochen, auf uns hernieder, schimmerte auf Eisenbahnschienen, blendete von Seen, flimmerte im Walde, glühte bei Festveranstaltungen, leuchtete aus frohen Augen, machte uns müde, umflutete die Badenden, verklärte die Reigentänze und drang uns tief ins Gemüt.

Wir werden diese Wandervogelsonne auch in einem langen Leben nicht vergessen.

[...] Noch ein Stück mit der Bahn, dann beginnt, froh begrüßt, die Fahrt. Hochwaldfichten, der erste See, eine  Schneidemühle, rote Stämme, doch bald beginnt Einsamkeit. [...] Wie in Postillonstagen wird jede menschliche Siedlung mit Gesang und Klampfenzupfen begrüßt, stumpfe Gesichter nicken freundlich. Und dann der Brunnen! Wisst Ihr's noch? Was ist Sekt, was Nektar dagegen." 

Robert Budzinski: Kornblumen [Porträt Erika Stern], 1920. In: Proletarische Heimstunden. Zeitschrift für proletarische Literatur, Kunst, Aufklärung und Unterhaltung, Jg. 1923, S. 306.

Budzinski publizierte in den 1920er Jahren für diverse Zeitungen und Zeitschriften, gab aber auch eigenständige Publikationen heraus. Diese Porträtzeichnung von Erika Stern erschien konsequent und ihren Ansichten angemessen in einem linken Verlag des linken Verlegers Arthur Wolf. Aber während Budzinski die politische Landschaft von rechts nach links durchlief, ging Wolf den entgegengesetzten Weg. 1925 schrieb Wolf noch selbstbewusst: "Unter den linksgerichteten Verlegern verstehen wir all jene, welche ihre Tätigkeit nicht durch Nationalismus, Rassenhass, Dogmatismus oder durch skrupellosen Geschäfts- und Gewinngeist bestimmen lassen, die vielmehr ihr Werk in den Dienst einer bestimmten, wirklichen, die Menschheit aufwärts führenden Kulturaufgabe zu stellen. Eine Abgrenzung kann nur in politischer und kulturpolitischer Beziehung auf der Linie radikaler republikanischer Gesinnung nach rechts gezogen werden; alle Verleger, deren Tätigkeit links von dieser Linie liegt, sind in den von uns gemeinten Kreis eingeschlossen, ohne irgendwelche einseitige Betonung einer betreffenden Richtung. Jede verlegerische Tätigkeit, die sich gegen die auch in der Gegenwart allzu tätigen Mächte der Vergangenheit wendet und Bausteine des neuen, zukünftigen Werden liefert, gehört zu dem Block fortschrittlicher Kulturentwicklung.“ (Zitiert nach: Helga W. Schwartz: DIE WÖLFE IN LEIPZIG, Versuch der späten Würdigung eines Leipziger Kleinverlags der 1920er Jahre. In: juni-magazin.de)

1933 jedoch wurde Wolf nach wirtschaftlichen Schwierigkeiten zum Parteigänger der Nationalsozialisten und so erinnert sich ein Bekannter an ihn: "1933 war ich in
Berlin, doch als ich nach Leipzig kam, da lief mir, beinahe als einer der ersten, Wolf in der braunen Uniform über den Weg. Ich war sprachlos – und bin ohne zu grüßen an ihm
vorbeigegangen“. (Ebda.)

8. Dezember 2025

Meine am 2. Dezember aufgeworfene Frage, ob Budzinski nicht nur ein deutschtümelnder konservativer Landschullehrer gewesen sei, wird durch die bisherigen Bilder und Quellen eher belegt, als widersprochen. Eine gewisse Kriegsmüdigkeit allein bringt Budzinski in keinerlei avantgardistische Rolle.

Aber dann erscheinen bereits kurz nach Kriegsende Arbeiten Budzinskis, die zumindest aufhorchen lassen: Blätter, die Republik und sogar Revolution feiern.

Das wurde in Budzinskis herkömmlichem Umfeld nicht begriffen und sogar versucht, in das Gegenteil zu interpretieren.

Der Wandervogel stand ohnehin an einem Scheideweg. Die jugendlich-unbekümmerte Bewegung war zu einem schwerfälligen und wankenden Bund geworden, in dem heftige Richtungskämpfe tobten: Wie die erste Generation integrieren? Der Bund schwankte zwischen straffer Führungsstruktur mit den älteren Wandervögeln auf hierarchisch hervorgehobener Position und einem lockeren Verbund, der sich aus der Jugend selbst heraus organisierte. Neben alten Fragen (wie nach der Stellung der Mädchen und Frauen in der Bewegung) kamen neue auf: Wie zur Republik stehen? Wie sich zur Kriegsschuldfrage verhalten?

Während der Bund eine verbindliche Zukunft suchte, entwickelte er sich gleichzeitig zu einem Berufsfeld, das Mitgliedern Einkommen und Stellung bot: Verleger druckten Zeitschriften und Bücher, Publizisten fanden auch in der breiten Öffentlichkeit Resonanz. Budzinski selbst war in diesen Prozess eingebunden: Er beförderte die Gründung einer Künstlergilde, die hinter ihrem pseudomittelalterlichen Namen eine moderne Produktionsform auf Kooperationsbasis verwirklichen wollte.

Wie es dazu kam, dass er einen Wechsel von deutschnationalem Denken zu einem moderneren, emanzipatorisch aufgeschlossenen Weltbild vollzog, lässt sich mit einem singulären Erlebnis begründen. Hier einige Arbeiten, die aus dieser Zeit stammen:

Robert Budzinski: Erwachen der Menschheit. Aus: Der junge Deutsche 1, 1918

In symbolistischer Form- und Motivsprache, gepaart mit einer modernen Fratzenhaftigkeit der Karikatur, beschreibt Budzinski in seinem Linolschnitt eine Erweckungsgeschichte. Die Zukunft der Menschheit gründet sich auf den Untergang der Monarchien, die mit Monstern und Schreckgestalten gleichgesetzt werden.

Die Zeitschrift, in der Budzinski das publizierte, stand deutlich im rechten Spektrum. Wie wenig er dabei verstanden wurde, lässt sich an einem zweiten Beispiel sehr deutlich zeigen.

Robert Budzinski: 1918. Aus: Der junge Deutsche 1, 1918.

Nach redaktioneller Interpretation von Karl Plenzat sollte der Linolschnitt die Niederlage Deutschlands im Krieg darstellen, weil doch Budzinski "an seines Volkes unheilvollem Geschick leidvollen Anteil nimmt. - Endlich ist es gelungen: der lichte, siegfriedgleiche Recke ist zu Fall gebracht; aus tiefer Pfeilwunde fließt sein Herzblut. Da wagt es das feige Gesindel, dessen Überzahl den Edelmenschen hingestreckt hat, aus seinen Schlupfwinkeln hervorzukriechen. - Grinsende Schadenfreude tanzt und jubelt. Doch, wenn sie giergepeitscht näher zu schleichen wagen, dann verzerrt furchtgemischtes Grauen manche der höhnenden breitmäuligen Fratzen. Ehrfurcht gebietet noch des unterlegenen Edelings lichte Schönheit..."

Abgesehen von der plumpen nationalistisch-rassistischen Abgrenzung Deutschlands gegen seine umliegenden Feindvölker, liegt der Interpretation ein kompletter Trugschluss zu Grunde. Dargestellt ist nicht der Untergang des Deutschen Reiches, sondern die Niederschlagung der Revolution! Noch 1918 tritt Budzinski der SPD bei.

Aber was hat ihn zu diesem Wechsel in der Weltanschauung bewogen? Die Antwort lässt sich sogar datieren und die Frage muss nicht gestellt werden, WAS ihn gewogen hat, den Standpunkt zu ändern, sondern WER das vollbracht hat.

Robert Budzinski: Herbstsonne, 1918

In der Abgebildeten, einer jungen Frau mit markanter Nase, blonden Zöpfen "und blaue Augen hat sie auch noch gar", liegt die Erklärung für Budzinskis Gesinnungswandel. Aber dazu in den kommenden Tagen mehr... 

7. Dezember 2025

Auch heute werden zwei Exlibris folgen, die gleich auf mehrere Themen - oder Motivfelder bei Budzinski hinweisen. Während des Ersten Weltkrieges schuf Budzinski eine erhebliche Anzahl an Exlibris. Das ging auf eine entsprechende Nachfrage zurück, die Budzinski selbst mit dem "Wandervogel" verknüpfte. Diese Jugendbewegung um die Jahrhundertwende wandte sich einem halbromantischem Heimatverständnis zu, das zur Folge hatte, dass Schülergruppen unter Anleitung älterer Wandervögel die Landschaft durchwanderten. Sie schufen mit ihrer Hinwendung zur Volksmusik ("Zupfgeigenhansel") die Voraussetzungen nicht nur für den modernen Schlager, auch Pop und selbst Rockmusik sind heute ohne die "Klampfe" (= Gitarre oder Laute), das Lieblingsinstrument der Wandervögel, nicht zu denken.

Budzinskis Landschaftsmotive sind teils deckungsgleich mit dem Naturverständnis der Wandervögel; er organisierte für die Ortsgruppe Konitz Wanderungen und illustrierte später einige Musiksammlungen. Vor allem aber hatte er Kontakt zu weiteren Wandervögeln mit ähnlichem literarischen Geschmack und dazu gehörte, die eigene Bibliothek mit Exlibris zu kennzeichnen. Für beide Familien der folgenden Blätter gibt es Belege für eine spätere Wandertätigkeit in Form von Vereinsmitgliedschaften bzw. Wanderführern. Ein direkter Nachweis einer Wandervogelzugehörigkeit steht indes aus.

Robert Budzinski: Exlibris für Elfried Heinicke

Mit diesem Blatt gerät erstmals das Totentanzmotiv in das Werk von Budzinski. Später sollte er die Thematik noch deutlich aufwändiger ausführen. Elfriede Heinicke, vermutlich 1909 in Sachsen als Tochter von Lina und Paul Heinicke geboren, promovierte 1933 zur Zahnärztin. Für ihre Familie wurden zahlreiche Exlibris geschaffen; aus der Sammlung ihres Vaters ging die Sammlung von Schloss Burgk hervor.

Warum Budzinski ein solches Blatt für ein siebenjähriges Mädchen schuf, kann nur gemutmaßt werden. Streng genommen war es kein Exlibris, sondern ein Widmungsblatt. Rund zehn später arbeitete er einen ganzen entsprechenden Zyklus aus, weil seine Muse Erika Stern eine tödliche Erkrankung überwunden hatte (dazu später mehr). Vielleicht lag hier eine ähnliche Situation vor: Elfriede Heinicke starb erst 1981.

Robert Budzinski: Exlibris für Kurt Frahne, 1916

Mit diesem Erntebild schuf Budzinski ein selbstverständliches ländliches Sommermotiv. Die Getreideernte und das Einbringen des Strohs waren vor der Mechanisierung der Landwirtschaft harte körperliche Arbeiten.

Kurt Frahne dürfte daran nicht teilgehabt haben. Er war ein Fabrikantensohn aus Landeshut in Niederschlesien, der nach Promotion im elterlichen Unternehmen tätig war. Er starb 1945 in Landeshut, heute Kamienna Góra.

6. Dezember 2025

Heute erst einige erläuternde Zeilen, dann zwei Abbildungen.

Budzinski reüssierte während der Kriegsjahre auf einem Gebiet, das zwitterartig zwischen Gebrauchsgraphik und reiner Kunst changierte. Anders als seine gleichaltrigen eingezogenen Kollegen hatte er Zeit, Aufträge anzunehmen. Zwei Belege für seine reichsweite Bekanntheit zumindest in sammelnden Kreisen beleuchten ein heikles politisches Problem. Wir wissen nicht, warum ein Sportlehrer, der tagelange Wanderungen unternehmen konnte, vom Kriegsdienst freigestellt war, aber in seinen Arbeiten zeigt sich vorsichtige Skepsis an der Notwendigkeit des Krieges; herausgegriffen seien zwei Blätter von 1916 - eine Geburtsanzeige, die das Kind hellstrahlend zwischen dunklen Soldatengestalten mit finsteren Fratzen zeigt und ein Ex-Libris für einen bekannten Sammler, in dem der Krieg als kindisches Spiel dargestellt wird.

Es ist leider notwendig, Budzinskis umfassenderes Werk stets auf kleinformatige Graphik zurückführen zu müssen - andere Arbeiten dieser Zeit sind nicht erhalten.

Robert Budzinski: Geburtsanzeige für Martin Rolf Otto Liebhold, 1916

Das Kind war (nach einer älteren Schwester Ruth Agnes und gefolgt von einem Bruder Klaus Gerhard) am 21.7.1916  als erster Sohn des jüdischen Zigarrenfabrikanten Michael Siegfried Liebhold in Heidelberg geboren. Der Vater starb 1938 an den Folgen der KZ-Haft in Dachau; die Mutter Amalie Gertrud ("Wally") beging als Überlebende des Holocaust am 27.12.1945 in Jerusalem Suizid. Die Geschwister überlebten nach Flucht in die USA.

Robert Budzinski: Exlibris für Hermann Junge, 1916

Hermann Junge war in vierter Generation Universitätsbuchhänder und -drucker in Erlangen. Es gibt weitere Exlibris für ihn von anderen Künstlern; er muss als Sammler verstanden werden. Junge war 1916 Vater zweier kleiner Kinder (ein- und zweijährig). Wenn das Motiv nicht von ihm vorgegeben wurde (das ist bei Budzinski öfter vorgekommen), so hat er sich doch mit dem Thema identifzieren können: Krieg als kindisches Spiel. Schwer zu erkennen sind die Soldaten in den Wolken, die sich gegenseitig massakrieren. Wie in der Geburtsanzeige Liebholds folgte Budzinski hier bereits einer später eingängigen Ikonographie, die die deutschen Pickelhaubenträger auf der rechten Bildseite, nach links angreifend , verortete.

5. Dezember 2025

Deutscher Wille, Des Kunstwarts 29. Jahr, 29.02.1916, S. 12f.

Anders als in den übrigen Reichsteilen war in Ostpreußen der Schrecken des Krieges direkt über Landschaft und Bevölkerung hinweggegangen. Aber im zweiten Weltkriegsjahr erlebte die gesamte Bevölkerung des Deutschen Reiches spürbar die Folgen der Kriegswirtschaft und des eingeschränkten Welthandels; den bildenden KünstlerInnen gingen die Materialien aus. Budzinskis knappe Anleitung, aus dem noch in ausreichender Menge vorhandenen Linoleum einen reproduktionsfähigen Druckträger zu erstellen, fand entsprechend weite Resonanz. Sein eigener Wissensvorsprung auf diesem Gebiet ließ jedoch noch Jahrzehnte später Experten verzweifeln, die nicht sicher sein konnten, ob seine Drucke nun "Strichätzung, Kaltnadelradierung und Flächenätzung mit Aquatinta" seien oder doch auf "verschiedenste Weise miteinander kombiniert oder in solitärer Form variiert" (Axel Vater: Zu den druckgraphischen Techniken. In Gernot Blum: Robert Budzinski = Monographien deutschsprachiger Exlibris-Künstler, Band 4, hier S. 30).

Deshalb beschränkt sich das Werkverzeichnis seiner Exlibris darauf, nur zwischen Holzschnitt, Linolschnitt und Lithographie sowie Ätzgrundradierung zu unterscheiden...

 

Und für alle Lesenden, die bis hierhin durchgehalten haben, folgt jetzt das früheste bekannte Exlibris, das Budzinski nicht für sich selbst, sondern für den ansonsten völlig unbekannten Walther Plaumann geschaffen hat.* Aufgrund der Tonalität des Hintergrundes kann es sich um eine Linolradierung handeln. Die Darstellung ist noch sehr dem Jugendstil und der Motivik von Fidus verpflichtet.

 

* Es handelt sich möglicherweise um den aus Ostpreußen stammenden Gerhard Walter Bernhard Plaumann. Der 1874 geborenene Papyrologe fiel als Leutnant in den letzten Kriegstagen, am 23.10.1918. 

Robert Budzinski: Exlibris für Walther Plaumann, 1911.

4. Dezember 2025

Königliches Gymnasium zu Dt. Eylau, Bericht über das Schuljahr 1906

Es waren magere Jahre für den frisch Verheirateten. Als Hilfslehrer stand er in der Hierarchie des Gymnasiums ganz unten und als so genannter technischer Lehrer (Sport und Kunst) konnte er mit der ggfs. promovierten Elite der Lehrkräfte aus den humanistischen Fächern nicht mithalten. Beides wirkte sich auf die Besoldung aus. Geld war knapp im Haushalt der Familie. Aus der Berichterstattung der Kunstzeitschriften dieser Jahre erhellt, dass Budzinski wiederholt versuchte, an regionalen Ausstellungen teilzunehmen. Aus Ölbildern der ersten Jahre wurden bald günstiger herzustellende Aquarelle. Bis 1910 wurden vier Kinder geboren und Budzinski ersann umgehend ein noch günstigeres Verfahren für die Produktion seiner Bilder. Er kannte vom Schulunterricht den Linolschnitt und versuchte sich daran, Linoleum als Bildträger für Radierungen einzusetzen.

Morgen dazu noch einmal ein wenig Theorie und dann gibt es auch an den folgenden Tagen endlich eine Reihe Bilder.

3. Dezember 2025

Die Zeilen, in denen sich Budzinski mit dem Abstand von 20 Jahren selbst darstellt, fallen durch ihren zynischen und bitteren Ton auf. Ein Ton, den Budzinski sonst seiner Kritik am Bürgertum mit seiner Fortschritts- und Technikgläubigkeit vorbehielt. Die Eigendarstellung (die - wie bei bei Budzinski üblich - bezüglich des Geburtsdatums nicht stimmte; 1900 war er 26, aber nicht 16) sei noch um schlichte Fakten ergänzt:

1874 knapp südlich der Masurischen Seenplatte in Klein-Schläfken/Ostpreußen in die Familie eines Landschuldirektors geboren, war der Weg in die Lehrerkarriere vorgezeichnet. Nach Besuch der Akademien in Berlin und Königberg ergriff Budzinski zum Lebensunterhalt der Familie (1903 Heirat mit Ida Wenk) den Beruf als Zeichen- und Turnlehrer.

Robert Budzinski: Erziehung zur Kunst. Hartenstein/Sachsen, Greifenverlag 1920.

2. Dezember 2025

Mit diesem Blatt (hier in Form einer zeitgleichen Postkarte) wurde der über 40 Jahre alte Gymnasiallehrer einer westpreußischen Landschule schlagartig reichsweit bekannt. Er gewann damit einen Wettbewerb, den der konservative Verleger Ferdinand Avenarius im Dürerbund bzw. in seiner Zeitschrift "Kunstwart" ausgelobt hatte: Gesucht wurde eine Vorlage für ein Gedenkblatt für Gefallene des Weltkrieges.

In der Folge protegierte der "Kunstwart" Budzinski, der aus gesundheitlichen Gründen nicht als Soldat eingezogen worden war. Als Lehrer unternahm er in dieser Zeit mit der Wandervogelgruppe seiner Heimatstadt Konitz Fahrten durch die benachbarten Landkreise.

Der Vers "Durch Todesnacht bricht ewges Morgenrot" stammt von Theodor Körner, dem damals so verstandenen "Dichter der Befreiungskriege". War Budzinski also schlichtweg ein deutschtümelnder konservativer Landschullehrer? Morgen folgen ein paar Sätze über seine frühe Biographie...

1. Dezember 2025

Zum Start eine Darstellung, die Robert Budzinski zeigt. Diese Lithographie stammt von der Hand Emil Stumpps, einem der bekanntesten Pressezeichner der Weimarer Republik. Für seine geistige wie politische Haltung wurde er von den Nationalsozialisten 1941 zu Tode gebracht. Stumpp und Budzinski waren über ihre gemeinsame Arbeit hinaus miteinander bekannt, aber der Grad ihrer Freundschaft lässt sich nicht sicher angeben; immerhin gibt es auch eine Federzeichnung von Budzinski, die Stumpp zeigt. Gemeinsam war beiden Künstlern, dass sie zu Beginn der 1920er Jahre ihre sicheren Gymnasiallehrer-stellen aufgaben, um selbständig und freischaffend ihr Auskommen zu suchen.

 

Der aufmerksame und offene Blick und die leichte Belustigung, die um den Mund zu schwingen scheint, waren wie das kaum gebändigte Haar, die runde Brille und die Pfeife Charakteristika von Budzinski.

 

Zu Stumpp gibt es einen sehr guten Wikipedia-Eintrag; eine sehr hohe Zahl von Abbildungen seines Porträtwerkes findet sich auf der Seite www.emil-stumpp.de.

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